CineCheck, [Artikel], [Filmkritik]

„Joker“-Kritik: Gottes einsamster Mann

Verfilmungen aus dem Hause DC hatten es in den letzten Jahren schwer. Zwar konnten oft moderate Erfolge verbucht werden, dem großen Kontrahenten Marvel wurde man jedoch nie wirklich gefährlich. Ein Ass im Ärmel musste her. Für schlanke 55 Millionen Dollar produzierte man ein Projekt, das kaum riskanter hätte sein können: die Origin-Story von Batmans Nemesis. Eine verbotene Geschichte und eine Figur, die nicht erklärt werden kann oder darf – je nach Auslegung verschiedener Fanlager. Mit „Joker“ hat man es trotzdem gewagt und einen Film erschaffen, der nicht nur Genre-Konventionen sprengt, sondern zum erfolgreichsten R-Rated-Film aller Zeiten avancierte.

Das Filmstudio Warner wünschte sich für die Titelrolle zunächst niemand Geringeren als Leonardo DiCaprio. Regie-Legende Martin Scorsese sollte produzieren. Eine vertraute Kombination, die einen Erfolg quasi garantiert hätte. Letztendlich kam es ein wenig anders. Scorsese musste den Produzentensessel räumen, weil „The Irishman“ seine ganze Aufmerksamkeit verlangte. Mit Joaquin Phoenix hatte man dann eine andere Besetzung für den „Clown Prince of Crime“ gefunden und damit einen Schauspieler, der Rollenangebote nie leichtfertig annimmt – ein absoluter Charakterdarsteller. Diese Verpflichtung mutete vielversprechend an.

Mit Todd Phillips wurde der Regieposten eher unkonventionell besetzt. Ein derart pikantes Thema mit einem Filmemacher zu betreuen, der in der Vergangenheit eher durch Anarcho-Komödien Marke „Hangover“ auf sich aufmerksam machte, ließ so manchen Fan ins Zweifeln kommen. Für dieses Unterfangen benötigte es doch fast chirurgische Präzision und noch mehr Erfahrung. Letztendlich waren die Sorgen völlig unbegründet. Phillips inszeniert großartig, auch, wenn hier noch jemand anderes seine Finger im Spiel hatte…

„Shit… I’m waiting for the sun to shine.“ – Travis Bickle

Gotham City, 1981: Arthur Fleck, ein sensibler Mann Mitte 30, ist ein erfolgloser Werbe-Clown mit großen Träumen, aber eingeschränkten Möglichkeiten. Zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter lebt er in einem heruntergekommenen Apartment, in das sich niemals ein Sonnenstrahl zu verirren scheint. Trotz aller Dunkelheit, die ihn umgibt, ist es sein Traum, die Menschen zum Lachen zu bringen, ihnen Glück und Freude in die Herzen zu werfen. Als Stand-up-Comedian will er diesen Wunsch verwirklichen. Dass Arthur unter extremen psychischen Störungen und chronischer Niedergeschlagenheit leidet, erschwert die Situation allerdings immens. Umso schlimmer, dass eben jener tief gestörte Mann von der Gesellschaft bei jeder Gelegenheit mit Füßen getreten und verspottet wird – ein Clown ohne Maske, mehr nicht. Eines Tages beginnt der Mann, der von allen herumgeschubst wurde, endgültig zu zerbrechen – mit verheerenden Folgen für Gotham City.

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Trostlose Welt, düsterer Blick: Joaquin Phoenix als Arthur Fleck (Quelle: Warner Bros.)

Dass man sich für eine recht simple Verlierergeschichte entschieden hat, stellt nach Jared Letos fast universell geschmähter Darstellung des Joker in „Suicide Squad“ eine logische Konsequenz dar. Einen knallbunten Zuhälter im Marilyn-Manson-Look, der viel zu sehr auf Stil statt auf Substanz gebürstet war, wollte niemand mehr sehen. Da erschien der düstere Loner-Ansatz als willkommener Befreiungsschlag. Abstand musste her. Das zahlte sich aus. Zwar ist die Geschichte in ihren Grundzügen einfach gestrickt, dabei aber hocheffektiv. Bemerkenswert ist zudem die Verpackung. Obwohl Scorsese letztendlich den Posten des Produzenten freimachte, wachte seine Hand indirekt über das gesamte Projekt. So sind Drehbuch und Regie größtenteils kaum mehr als eine große Hommage an Scorseses Schaffen. Psychogramm, Preisung und Parodie zugleich.

Inhaltlich knüpft man eng an die Vorbilder an, aber auch visuell gibt es einige Querverweise. So sind ganze Kamerafahrten und auch ikonische Gesten teilweise 1:1 aus Scorseses Meisterwerk „Taxi Driver“ übernommen. Das Gotham City der frühen 80er ist mindestens so trostlos und dreckig, wie das filmische New York Anno 1976. Eine Stadt voller Menschen, ohne Menschlichkeit. Selbst das Büro von Arthurs Sozialarbeiterin, welches eigentlich einen sicheren Hafen darstellen sollte, ist in vernichtende Dunkelheit gehüllt. Bedrückend. Erzählerisch visiert man zudem Scorseses „The King of Comedy“ an, in dem der talentlose Stand-up-Komiker Rupert Pupkin (Robert De Niro) versucht, in die Fußstapfen des Talkshow-Hosts Jerry Langford (Jerry Lewis) zu treten. Pupkin wird durch eine Obsession vorangetrieben, welche bald die Grenze des Gesunden überschreitet. Es ist also kein Zufall, dass in „Joker“ De Niro die Rolle des Late-Night-Königs Murray Franklin übernimmt, ein Mann, den Arthur Fleck wie eine Vaterfigur anhimmelt. Der Film ist ein Kaleidoskop, ein verspieltes Spiegelbild etablierter Muster, nur völlig neu angeordnet. Das Unverschämte daran ist, dass es trotzdem funktioniert.

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Atmet den Scorsese-Spirit: „Joker“ sieht zeitweise aus wie „Taxi Driver“ (Quelle: Warner Bros.)

I used to think that my life was a tragedy. But now I realize, it’s a comedy.“

Phoenix ist brillant. Die Kritik könnte hier enden. Das Gros der Journalisten ist sich hier einig und das völlig zu Recht. Nachdem Heath Ledger 2008 die Joker-Rolle geradezu verschlungen hatte, war es undenkbar, dass jemand anderes noch einmal Ähnliches vollbringen könnte. Joaquin Phoenix schafft es trotzdem, nicht mühelos, aber triumphierend. Er erfindet die Rolle neu und geht dabei an sein Äußerstes. 28 Kilogramm soll er unter dem strengen Blick der Filmemacher abgenommen haben. Dass Schauspieler nicht nur mental, sondern auch physisch in ihre Rolle schlüpfen, ist eine bekannte Routine des Method-Acting. Robert De Niro, der solche Kniffe an der Lee-Strasberg-Schule erlernte, verblüffte 1980 sein Publikum in Scorseses „Wie ein wilder Stier“. Um den gealterten Boxer Jake LaMotta darzustellen, nahm er fast 30 Kilo zu. Christian Bale wiederum schockierte die Zuschauer 2004, als er sich für seine Rolle in „Der Maschinist“ fast bis auf die Knochen runterhungerte. Phoenix‘ Darstellung ist auf bestem Wege dahin, ebenso in der Popkultur verankert zu werden. Dafür sorgt auch seine Körpersprache, welche verspielt, manisch und organisch anmutet. Ein todtrauriger Tanz auf Messers Schneide, ein Kampf zwischen Wahnsinn und besten Absichten.

Doch nicht nur äußerlich schafft es Phoenix, seinem Joker abgründiges Leben einzuhauchen. Er versteht diese Figur erschreckend gut und auch alle Erwartungen, die daran geknüpft sind. Batmans Erzrivale hat sich jahrzehntelang einer eindeutigen Deutung verwehrt. Auch die hoch gehandelte Comic-Geschichte „The Killing Joke“ von Alan Moore machte klar, dass gerade dieses Verwirrspiel den Joker definiert: „If i’m going to have a past, i prefer it to be multiple choice.“ Heath Ledger brachte diesen Ansatz vorzüglich rüber. In „The Dark Knight“ servierte er dem Zuschauer verschiedene, tragische Geschichten, die ihn zu dem Monster machten, das später eine ganze Stadt terrorisierte. Phoenix perfektioniert diesen Aspekt, auch, weil ihm das Drehbuch dazu sämtlichen Raum gibt. Der Großteil des Films fokussiert sich nur auf ihn, er muss den Film nicht mit dem dunklen Ritter oder anderen Schurken teilen. Dies ist Phoenix‘ One-Man-Show.

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Grazil und grausam: Phoenix verleiht dem Joker fast esoterische Qualitäten (Quelle: Warner Bros.)

“The worst part of having a mental illness is people expect you to behave as if you don’t.”

Warum das alles so reibungslos funktioniert, ist der Tatsache zu verdanken, dass Arthur Fleck zwar von Anfang an als naiver Versager mit positiven Eigenschaften gezeichnet wird, aber trotzdem jederzeit klar wird, dass er extrem krank ist. Seine beklemmenden Tagebucheinträge liefern immer dann einen verstörenden Einblick, wenn man geneigt ist, mit ihm zu sympathisieren. Ein zerrissener Mensch, den man nicht einseitig und endgültig betrachten sollte. Damit wird die Figur der Philosophie der Vorlage gerecht. Es verbietet sich auch nicht, diesem schwerkranken Mann Genesung zu wünschen, selbst dann nicht, wenn sein Handeln anfängt, die Grenzen zu überschreiten. Für einen Mainstream-Film versteht es „Joker“ bestens, klarzustellen, dass nicht alles schwarz und weiß ist, selbst, wenn die wahnhafte Hauptfigur dies so empfindet. Damit ist „Joker“ vor allem eins: verdammt mutig. Der Film greift Themen auf, die man sonst eher vom Arthaus-Kino gewohnt ist. Der Begriff Charakterstudie mag ausgelutscht erscheinen, aber genau das wird präsentiert. Die Grenzen der Comicwelt werden dazu völlig ausgelotet. Von dem konturlosen Sexsymbol, das Leto in „Suicide Squad“ formte, ist nichts mehr übrig. Arthur Fleck ist eine dreidimensionale Figur, die nicht dazu da ist, Merchandise zu verkaufen.

Auch stilistisch versucht der Film alles, um seine Titelfigur wenig greifbar zu machen. In einer Schlüsselszene erklingt Gary Glitters „Rock and Roll Part 2“ und verbreitet im ersten Moment eine fast positive Stimmung. Wer sich allerdings mit Glitters  Strafakte vertraut gemacht hat, erkennt die dunkle Note, die durch eine solche Musikauswahl nachklingt. Auch Serienmörder John Wayne Gacy, der als Killer-Clown in die US-amerikanische Kriminalgeschichte einging, wird zitiert. So heißt der Comedy-Club, in dem Arthur auftritt, nicht zufällig „Pogo’s“. In der Rolle von „Pogo“ trat Gacy oft auf Geburtstagsfeiern auf, um Kinder zu amüsieren. Arthur selbst bezeichnet sich ebenfalls als Party-Clown und versucht krebskranke Kinder im Krankenhaus aufzumuntern. Solche grauenvollen Verweise werden nicht zufällig eingestreut, sondern unterstützen den bipolaren Grundtenor auf unbequeme Weise.

Wer nun glaubt, dass bei allen Erklärungsansätzen die Figur endgültig entmystifiziert wird, der irrt. Todd Phillips groteskes Werk lässt vielerlei Raum für Interpretationen. Hier und da werden mögliche Hintergründe angeboten, es steht dem Zuschauer allerdings frei, das Puzzle nach eigenem Wunsch zusammenzusetzen. Stark! Und obwohl Phillips vorab verkündete, dass sich dieses fiktive Biopic nicht an den Comics orientiert, so gibt es doch genug Verweise auf geliebte Werke wie „The Killing Joke“ zu bewundern. Im Grunde versucht der Film alles, um jegliche Lesart zuzulassen und sein sehr diverses Publikum zufrieden zu stellen. Eine solche Herangehensweise sollte in der Regel zum Scheitern verurteilt sein. Es ist fast gespenstisch anzusehen, wie leichtfüßig das Gegenteil bewiesen wird.

„All I have are negative thoughts.“

Um die Welt, an der Arthur erkrankt ist, glaubhaft umsetzen zu können, braucht es eine starke Inszenierung. Die durchgehend kalten Bilder im Zusammenspiel mit einer schaurigen, teilweise mechanisch-erdrückenden Sound- und Musikkulisse, sorgen dafür, dass jederzeit eine toxische Atmosphäre versprüht wird. Wir können das Blut, welches durch Flecks Adern strömt, förmlich spüren. Das macht es umso einfacher, sich zeitweise auf seine Seite zu schlagen, weil niemand in einer solchen Welt leben möchte. Ebenso hilft es dem Zuschauer, sich abzugrenzen, denn dieses Umfeld hat einen Mann kreiert, dessen Taten man nicht gutheißen kann. Ein Zeigefinger wird dabei jedoch nie erhoben. Selbst eine ehemals idealistische Figur wie Thomas Wayne, der quasi als Gegenpol agiert, ist nicht positiv konnotiert. Wer den gutherzigen, inspirierenden Philanthropen erwartet, wird sich wundern. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. „Joker“ nimmt das Batman-Universum, schüttelt es durch und offeriert so gänzlich neue Pfade für festgetretene Wege.

Den geflügelten Rächer braucht es übrigens in den gesamten 120 Minuten nicht. „Joker“ funktioniert nahezu ohne Batman, auch wenn man sich die Einflechtung von Bruce Wayne in die Geschichte nicht völlig verkneifen konnte. Wie das inhaltlich geschieht, ist mustergültig, clever und zumindest in der Filmwelt der Comic-Reihe völlig neu. Der Film verschreibt sich trotzdem komplett seiner Hauptfigur, von dessen Seite wir niemals weichen. Gewichtige Nebenfiguren und parallel verlaufende Handlungsstränge gibt es daher nicht. Wo „Joker“ draufsteht, ist auch Joker drin.

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Wer braucht die Fledermaus? Joaquin Phoenix stemmt den Film im Alleingang. (Quelle: Warner Bros.)

Letztendlich kann man DC für alles, was dieser Film ist, nur gratulieren. Warner Bros. ist dabei nur zögerlich Risiken eingegangen. Das R-Rating, die Altersfreigabe, welche einiges an Gewalt und Psychoterror ermöglichte, stand vorab gar auf der Schippe. Doch der Mut, einen bedrückenden und erschütternden Ansatz zu wählen, hat sich ausgezahlt: „Joker“ rennt krankhaft lachend auf die eine Milliarde-Dollar-Marke zu und ist schon jetzt der erfolgreichste R-Rated-Film aller Zeiten. Das musste auch Comic-Kollege und bisheriger Spitzenreiter „Deadpool“ neidlos anerkennen. Ryan Reynolds kommentierte auf Twitter gewohnt spitzzüngig: „You Mother F*ucker“.

Fazit

Allen Unkenrufen zum Trotz hat Todd Phillips mit „Joker“ einen denkwürdigen Film erschaffen, der Genrekonventionen verbiegt und mit neuer Reife aufwertet. Darüber hinaus spielt sich sein Hauptdarsteller die Seele aus dem Leib. Phoenix brilliert auf eine Art und Weise, die selbst Heath-Ledger-Hardliner zufriedenstellen dürfte. Hier wird die Figur völlig neu erfunden, statt sie zu kopieren und damit der Lächerlichkeit preiszugeben. Die für Comic-Filme ungewöhnliche Mischung aus Sozialkritik und Seelen-Striptease zieht dazu vollends in ihren Bann. Den einzigen Kritikpunkt stellt das fast sklavische Festhalten an Strukturen dar, welche Martin Scorsese vor Jahrzehnten beeindruckend erdacht hatte. Gleichzeitig waren diese Stilmittel nötig, um eine filmische Kurskorrektur vorzunehmen – ambivalent wie die eigene Hauptfigur. So viel Kritik auf DC in den letzten Jahren auch einprasselte, über „Joker“ dürfte niemand lachen.

Bewertung

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Bildmaterial: Warner Bros.

Galerie

 

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