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„Rambo: Last Blood“-Kritik: Ein Marlboro-Mann sieht rot

Elf Jahre ist es nun her, dass John Rambo zum letzten Mal auf der Kinoleinwand wütete. Damals servierte Sylvester Stallone eine ultrabrutale Schlachtplatte, die vor allem durch Tempo und Nostalgie überzeugte. In „Rambo: Last Blood“ will Sly die Geschichte des traurigen Vietnam-Heimkehrers, der zur absoluten Killermaschine mutierte, auf stilvolle Weise zu Ende bringen. Die Trailer erinnerten mit ihrer staubig-trostlosen Atmosphäre an einen Abgesang. Ob Hauptfigur und Zuschauer hier ihren Frieden finden werden?

Mexican Standoff

Nach dem vierten Film kamen die wildesten Drehbuchideen für ein weiteres Sequel auf, in dem es Rambo wahlweise mit monströsen Militärexperimenten oder gar Al-Qaida-Terroristen aufnehmen sollte. Schlussendlich hat man sich für mexikanische Kartell-Gangster als Feindbild entschieden. Wer nun glaubt, diese Idee sei im Zuge der aktuellen US-Politik geboren, der irrt. Der Schauplatz Mexiko war bereits ursprünglich für „John Rambo“ angedacht und das Drehbuch entstand auch aus einer verworfenen Idee für den Film „Homeland“ mit Jason Statham. Und so verwundert es nicht, dass „Last Blood“ zeitweise wie ein umgelabeltes Werk wirkt, welches die Identität Rambos manchmal vermissen lässt.

Durchs Geschichtenerzählen ist die Reihe nie besonders positiv aufgefallen, das war auch nach dem ersten Film gar nicht mehr der Fokus. Dramatik wurde zugunsten des Spektakels aufgegeben, welches sofort und blutig auf den Punkt kam. Doch so schablonenhaft wie in „Last Blood“ ging es noch nie zur Sache. Rambo, der sich seit seinem Kampf in Burma auf die elterliche Ranch in Arizona zurückgezogen hat, lebt mit seiner mexikanischen Haushälterin Maria in ruhiger Ponyhof-Atmosphäre. Er züchtet Pferde, kümmert sich um das Grundstück und zieht sich manchmal in sein eigens angelegtes Tunnelsystem zurück. Mit dem Vietnamkrieg hat er offensichtlich nie ganz abschließen können. Marias Enkelin Gabrielle ist für ihn in all den Jahren zu einer Tochter geworden, die er nie hatte. Doch Rambo wäre nicht Rambo, würde man ihm Ruhe und Alltag nicht wieder entreißen. Ob nun im Gefängnis, im Kloster oder als Schlangenfänger im burmesischen Dschungel – der gute John J. darf nie lange rasten. Irgendwann kommt immer dieser eine schicksalhafte Tag, an dem er für eine Mission gebraucht wird, die nur er zu Ende bringen kann. Diesmal ist die Aufgabe allerdings nicht offizieller, sondern rein privater Natur. Gabrielle entscheidet sich nämlich, entgegen Rambos Rat, schnurstracks nach Mexiko zu reisen, um ihren Vater aufzusuchen. Dieser hatte Frau und Kind bereits vor langer Zeit verlassen. Kaum in Mexikos Armenviertel angekommen, gerät Gabrielle allerdings in die Hände eines Menschenhändler-Rings. Also macht sich Rambo auf den Weg, um sein Stück heile Welt zu retten und den menschenverachtenden Kriminellen die Hölle auf Erden zu bereiten.

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Aus der Traum: Rambos Cowboy-Idylle hält nicht lange an (Quelle: UFA)

Inhaltlich wäre das vielleicht vor 35 Jahren in einem Bronson-Vehikel noch akzeptabel gewesen, heutzutage bekommt man dafür aber keinen Blumentopf mehr. Das anvisierte Vorbild ist allerdings „Taken“, in dem Liam Neeson seine Tochter in Paris aus den Klauen einer grausamen Gruppe von Menschenhändlern retten musste. Leider erreicht das Drehbuch nie diese Klasse, womit vor allem der Auftritt in Mexiko formelhaft und unspektakulär ausfällt. Das hat sicher auch mit dem „Get the Gringo“-Regisseur Adrian Grunberg zu tun, welcher es kaum schafft, eine eigene Würze in das Geschehen zu bekommen. Alles wirkt irgendwie lieblos runtergekurbelt. Rambo stapft relativ lustlos von Setpiece zu Setpiece, Höhepunkte gibt es selten. Inhaltlich interessant sind die Medikamente, welche Rambo einnimmt. Ob es sich dabei um Schmerzmittel oder Psychopharmaka gegen eine Posttraumatische Belastungsstörung handelt, bleibt unklar. Leider spielen die Pillen schnell keine Rolle mehr. Hier hätte man ansetzen können, um der Figur inhaltlich mehr Fleisch auf die Rippen zu geben. Es bedarf dabei gar nicht viel, etwas mehr Tiefe wäre schon genug gewesen.

Träge geht die Welt zu Grunde

Nun fragen sich manche: Wer braucht bei „Rambo“ schon eine gute Geschichte? Seit Teil 2 stand die Marke eher für tumbe Muskelspiele, harte Action und ganz viel kultigen Kitsch. Einfache Unterhaltung, aber durchaus mit Daseinsberechtigung. Von der gesellschaftskritischen Ausrichtung des ersten Films musste man sich sowieso schon vor Jahrzehnten verabschieden. Ab der ersten Fortsetzung war die Action Trumpf, alles andere irrelevant.  Schwächen im Drehbuch würde man daher auch „Last Blood“ locker verzeihen, wenn ein entsprechendes Action-Feuerwerk gezündet werden würde. Fans erinnern sich zurück an den vierten Film, in dem es an allem mangelte, nur nicht an kraftvollen Actionsequenzen. Und was hat „Rambo: Last Blood“ dahingehend zu bieten? Leider nicht viel.

Das Pacing ist träge, der Film weitestgehend spannungsfrei und unsinnigerweise arm an brachialer Action. Tatsächlich findet die einzige bleihaltige Szene erst am Ende statt. Das brutal-kurze Finale spiegelt dann halbwegs clever Rambos ewiges Vietnamtrauma und den ersten Film wider, kommt dazu auch düster und atmosphärisch daher. Bis dahin schleppt sich Rambo allerdings sehr mühselig und unbeholfen durch den Film. Hier und da gibt es kleinere, harte Sperenzchen, aber diese laufen zu routiniert und kraftlos ab. Ohnehin ist das für Genre-Verhältnisse recht magere Budget von 50 Millionen Dollar an allen Ecken der Produktion zu spüren und der Drehort Bulgarien taugt einfach nicht als Mexiko-Ersatz. Schon „John Rambo“ wirkte 2008 nicht besonders hochwertig, was sich an manchen preisgünstigen CGI-Effekten bemerkbar machte, der Qualitätsabfall ist diesmal allerdings enorm. Der größte Schnitzer von „Last Blood“ ist jedoch sein völliges Ungleichgewicht. Ein üppiges Finale alleine reicht einfach nicht aus. So kommen trotz der recht kurzen Laufzeit von 101 Minuten durchaus kleinere Längen auf.

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Altersmüde: John Rambo lässt sich trotzdem nicht aufhalten (Quelle: UFA)

Wie bereits erwähnt, lässt der Film die Identität seiner Hauptfigur vermissen. Ein paar Drehbuchänderungen hier, ein paar Kürzungen da und schon wäre „Last Blood“ nicht mehr als „Rambo“-Film zu identifizieren. Das hat auch mit Slys optischer Neuinterpretation seiner Figur zu tun, welche zumindest frisurentechnisch im neuen Jahrtausend angekommen ist. Als Cowboy macht Rambo zwar eine passable Figur, der Stilwechsel wirkt aber ungelenk. Die Distanz zur eigenen Hauptfigur wird in der deutschen Synchronfassung noch verstärkt, in der Rambo zum ersten mal von Jürgen Prochnow synchronisiert wird, nachdem Stallones Stammsprecher, Thomas Danneberg, den verdienten Ruhestand angetreten hat. Prochnow hatte bereits bei den ersten beiden „Rocky“-Filmen einen einprägsamen Job gemacht, damit war der Sprecherwechsel in „Creed II“ leichter zu verdauen. Hier hingegen ist der Bruch größer, selbst wenn Prochnow die Substanz und Stimme von Stallone gut einfängt. Auf Deutsch war Rambo aber eben immer Thomas Danneberg, und genau der fehlt. Viele dürften mit der Umbesetzung daher ihre Probleme haben.

Erwähnenswert ist noch, dass in den deutschen Kinos eine rund 12 Minuten längere Fassung zu sehen ist, in der Rambo zu Beginn eine Handvoll Wanderer vor einer Flutkatastrophe bewahren will. Diese Sequenz fehlt in der amerikanischen Filmfassung völlig. Der Film beginnt direkt auf der Ranch. Damit ist die US-Fassung zwar knackiger, aber im Endeffekt noch ereignisloser als die alternative Schnittfassung.

Ein Abbild, kein Statement

Viele Kritiker sind sich einig: „Last Blood“ ist ein faschistisches, frauenverachtendes Machwerk, welches quasi der feuchte Traum eines jeden Trump-Wählers darstellt. Mit diesen Buzzwords wird natürlich größtenteils verzweifelt versucht, Leser zu gewinnen. Die Wahrheit ist allerdings, dass sich der Film größtenteils einer politischen Message verweigert. Misogyn? Das Gegenteil ist der Fall. Ausnahmslos alle männlichen Figuren sind Abfall, Kriminelle und menschliche Monster. Auch Rambo selbst taugt mit seiner Mordlust und den psychischen Problemen kein bisschen zum heldenhaften Saubermann. Er ist ein effektives Mordwerkzeug, mehr nicht. Die wenigen positiv gefärbten Figuren werden ausschließlich von Frauen dargestellt. Sei es nun Maria, die Haushälterin, welche warmherzig, aber auch bestimmt agiert oder auch eine Journalistin, welche die Hauptfigur tatkräftig unterstützt. Am Ende sind aber einfach alle Figuren schablonenhaft, unterentwickelt und nicht der Rede wert.

Dass die mexikanische Kultur nicht gut weg kommt, ist kein überzeugender Kritikpunkt, da sich der Film nicht als Dokumentation oder Reiseführer versteht, sondern einen einzigen Teil, nämlich die kriminelle Unterwelt, einfangen möchte. „Last Blood“ bildet eiskalte Kartellgangster ab und diese sind eben keine Menschenfreunde. Ein Film atmet nicht automatisch die Mentalität der Figuren, die er zeichnet. Dennoch spricht der Film seine ansonsten eher altbackene Sicht der Welt offen und ehrlich an. So wird Rambo zu Beginn des Films als ein Mann dargestellt, der aus der Zeit gefallen scheint und irgendwie den Bezug zur Gegenwart verloren hat. Mit einem Brieföffner kann im Jahr 2019 kein Teenie mehr etwas anfangen, auch wenn Rambo diesen mit Liebe geschmiedet hat. Die reaktionäre Färbung von „Last Blood“ dürfte eigentlich niemanden mehr ernsthaft aufregen. Dass Rambo hier quasi die Mauer zu Mexiko gleich selbst hochziehen möchte, wie so mancher Artikel der großen Presseorgane weismachen möchte, ist herbeigedichtet und künstlicher Eklat um nichts. Als Mann, der aufgrund von Vorurteilen beinahe in den Tod getrieben wurde, kennt er die Ressentiments selbst. Rambo lehnt also nicht die Kultur der Kriminellen ab, sondern deren Handeln.

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Hat den Bogen raus: Rambos Feinde haben nichts zu lachen (Quelle: UFA)

Fazit

Was ein actionreicher und würdevoller Abschied für die Figur hätte werden können, entpuppt sich leider als ziemlich zähe Angelegenheit. Das Pacing wirkt behäbig und die wenigen Actionszenen sind Standardkost. Lediglich das Finale lässt das Actionherz etwas höher schlagen. Leider hilft das nicht, um „Last Blood“ zu retten. Immerhin hat man in wenigen Momenten versucht, das Trauma der Figur wieder aufzugreifen. Leider werden diese Aspekte nicht richtig in den Fokus gesetzt, es bleibt beim bloßen Versuch. Damit werden letztendlich weder die erzählerischen Stärken des ersten Streifens, noch die Action-Qualitäten der Nachfolgefilme erreicht. Was bleibt, ist eine zwar ruppige und gewohnt lakonische Angelegenheit, die aber furchtbar kraftlos daherkommt. Ob „Rocky V“, „A Good Day to Die Hard“ oder „Terminator: Genisys“ – mit dem fünften Teil ist auch hier die Luft raus.

Bewertung

2,5 Sterne

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Titel: Rambo: Last Blood
Cast
: Sylvester Stallone, Paz Vega, Sergio Peris-Mencheta, Adriana Barraza, Yvette Monreal
Regie: Adrian Grunberg
Produktionsjahr: 2019
Produktionsland: USA
Altersfreigabe: FSK 18
Kinostart: 19.09.2019
Heimkino: 31.01.2020

Autor: Sebastian Narkus
Bild- und Videomaterial: Universum Film (UFA)

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