CineCheck, [Artikel], [Filmkritik]

„Leatherface“-Kritik: Dosenfleisch statt delikater Horror-Happen

Nach dem sehr schwachen “Texas Chainsaw 3D” versprach “Leatherface” nicht nur einen ernsteren Beitrag zur ikonischen Filmreihe, sondern auch den schonungslosen Ursprung vom Metzger mit der Menschenmaske selbst aufzudecken. Damit hatte man sich große Ziele gesetzt. Leider bekommt man hier kein Gourmet-Steak serviert, sondern falschen Hasen.

„Leatherface“ ist insgesamt eine tragische Angelegenheit, da man hier auf vielen Ebenen einen soliden Film präsentiert bekommt. Der Produktionsstandard ist hoch genug, was sich in Look und Editing wiederspiegelt. Die Schauspieler sind passabel, allen voran Lili Taylor, auch, wenn ihre Rolle vergleichsweise klein ausfällt. Am Anfang ist es interessant zu sehen, wohin der Film den Zuschauer bringen will, die Richtung ist dann unerwartet und verheißungsvoll. Die Horror- und Splatter-Szenen sind deftig, aber nicht zu ausufernd präsentiert.

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Im Grunde kann man „Leatherface“ einen einzigen, großen Fehler anrechnen und das ist sein Drehbuch. Der Film ist so sklavisch darauf aus, den Zuschauer am Ende überrumpeln zu wollen, sodass der Fokus auf die Hauptfigur völlig abhanden kommt. Dieses Prequel ist ein One-Trick-Pony und opfert dafür die eigentliche Prämisse völlig. Die angedachte Geschichte kommt nicht richtig in Gang, weil der Film stattdessen zum Großteil die Geschichte einer Gruppe erzählt, die aus einer Psychatrie ausbricht und dann auf der Flucht von den zuständigen Polizeibehörden gejagt wird. Dabei zitiert „Leatherface“ munter Filme wie „Natural Born Killers“ oder „The Devil’s Rejects“, allerdings ohne deren Klasse zu erreichen. Wo es notwendig erscheint, wird keine Eigenständigkeit geboten. Stattdessen verfängt sich der Horrorfilm storytechnisch in diesen Anleihen und kommt nicht mehr auf die rechte Bahn zurück.

Wer erwartet, eine wirkliche Origin-Geschichte mit detailiertem Fokus auf die Kindheit und Jugend der Hauptfigur sowie eine nachvollziehbare Entwicklung hin zum Bösen zu sehen, wird bitterlich enttäuscht werden. „Leatherface“ ignoriert dabei die Beiträge der 2000er völlig, versteht sich gar als direkte Vorgeschichte zum  74er-Original. Das funktioniert zu keiner Sekunde. Stattdessen bekommt man einen Film vorgesetzt, der sein Hauptaugenmerk nie in den Griff bekommt. Zeitweise wirkt das Ganze mit seinen White-Trash-Anleihen wie ein zweitklassiger Rob-Zombie-Abklatsch. Die ganze Werbekampagne ist eine einzige Lüge, die vorgaukelte, hier würde der Ursprung der Horror-Legende aufgezeigt werden. Stattdessen ist dieses Thema dem eigentlichen Film nur wenige Minuten wert. Näher möchte ich nicht darauf eingehen, da ich niemandem die wenigen Überraschungen vermiesen möchte. Inhaltlich hat dieser Streifen nur diese Plot Twists zu bieten.

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„Leatherface“ ist letztendlich ein Trauerspiel, denn insgesamt ist das alles auf gutem Niveau, nur bringt das nichts, wenn das Drehbuch dermaßen an seiner eigenen Prämisse vorbeigeschrieben ist. Es kommt zeitweise einfach das Gefühl auf, das man eigentlich einen eigenständigen Film drehen wollte, den man mitten in der Produktion  umetikettiert hat, um ihn auf Biegen und Brechen auf „Texas Chainsaw Massacre“ zuzuschneiden. Neue Einsichten oder überhaupt das Gefühl, hier die Vorgeschichte zu „Blutgericht in Texas“ zu sehen, werden nicht ansatzweise geboten. Dessen dreckige, amateurhafte und einfach grundverstörende Atmosphäre wird hier nie erreicht, weil man unpassenderweise den Hochglanz-Look der beiden Michael Bay Produktionen anvisiert, ohne auch deren Klasse zu erreichen.

Schlussendlich ist der Film weder für Tobe-Hooper-Fans zu empfehlen, noch für diejenigen, die die Streifen von Marcus Nispel und Jonathan Liebesmann schaurig fanden. 2 Sterne für ein recht hohes Produktionsniveau und ein paar Härten. Schade um den Film an sich, denn der weiß durchaus zu unterhalten, nur „Leatherface“ ist das mit Sicherheit nicht. Da verwundert es auch nicht, dass es für eine Kinoauswertung nicht gereicht hat. Für das Lichtspielhaus wäre dieser Etikettenschwindel ohnehin zu dreist.

Bewertung:

2 Sterne

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Bildmaterial: Lionsgate

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