CineCheck, [Artikel], [Filmkritik]

„The Commuter“-Kritik: Endhaltestelle für Liam Neeson?

„The Commuter“ versprach durch seine Trailer einen zwar sehr einfach gestrickten, aber spannenden Action-Auftritt von Liam Neeson. Erinnerungen an „Speed“ oder „Die Entführung der U-Bahn Pelham 123″  wurden wach. Leider befördert sich Neeson mit diesem Streifen fast selbst aufs Abstellgleis. Warum die Fahrt einfach kein Tempo aufnehmen will, erfahrt ihr in den kommenden Zeilen.

Handlung

Michael MacCauly (Liam Neeson) ist regelmäßiger Pendler. Als er seinen Job als Mitarbeiter einer Versicherung verliert, kommt das Angebot einer mysteriösen Dame (Vera Farmiga), ihm eine große Summe Geld für eine einfache Aufgabe zu geben, im richtigen Moment. Er soll in einem vollbesetzten Zug eine Person aufspüren, die eigentlich nicht zu den regulären Fahrgästen gehört. Gesagt, getan. Doch bald sieht er sich einer harten Realität konfrontiert: Nichts ist hier, wie es scheint.

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Mord im CGI-Express

Mit seiner Geschichte erinnert „The Commuter“ nicht nur an „Mord im Orient-Express“, sondern durch die Kommandos, die Neesons Charakter per Handy bekommt, auch ein Stück weit an das „Simon befiehlt“-Spielchen aus „Stirb langsam 3“. Das ist auf dem Papier interessant und erweckt zu Beginn noch eine gewisse Neugier. Man möchte MacCauley auf seiner Suche begleiten und fiebert den kommenden Minuten entgegen. Leider muss man schnell feststellen, dass diese Fahrt ohne Highlights auskommen muss.

Um den Zuschauer wirklich auf diese Höllenfahrt mitzunehmen, ist ein gewisser Grat an Realismus unabdingbar. Wenn die Gefahr echt wirkt, die Action wuchtig und ehrlich ausfällt, dann ist man als Zuschauer wirklich engagiert dabei. Darum funktionierte „Speed“ damals so prächtig, weil die Action physischer Natur war und der Bus kein Spezialeffekt gewesen ist. Hier allerdings werden zeitweise sehr mittelmäßige Computer-Effekte eingesetzt, die nicht immer nötig erscheinen. Besonders schlimm fallen hier die Nachtszenen aus, in denen auch Landschaften und der Himmel aus dem Computer stammen. So wirkt diese Fahrt oftmals extrem künstlich, wenig realistisch und einfach nicht immersiv. Das Budget mag kleiner ausgefallen sein, als bei anderen Produktionen, aber bei bestimmten, eher gemächlichen  Szenen kann man sich schon fragen, ob es eine echte Bahn nicht auch getan hätte.

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Große Darsteller, die auf der Strecke bleiben

Mit Liam Neeson, Vera Farmiga, Sam Neill und Patrick Wilson ist dieser Zug äußerst prominent besetzt. Woran es allerdings mangelt, ist ein wirkungsvoller Einsatz dieser Darsteller. Liam Neeson agiert im souveränen Standardmodus, bekommt keinerlei Bühne um wirklich zu schauspielern. Gewohnt grimmig und zielstrebig geht er ans Werk, ohne echte Emotionen zu zeigen. Das mag zweckmäßig sein, aber in Anbetracht der Menschen, die in unmittelbarer Gefahr sind, ist das etwas mager. Wir erinnern uns an das, was Bruce Willis als John McClane in „Stirb langsam“ (1988) lieferte: Einen Mann der schrie, fluchte, litt und ständig seine Erfolgschancen hinterfragen musste. Die Angst wurde durch bissigen Zynismus überspielt. Das wirkte sympathisch und schweißte den Zuschauer an seine Figur. Das heutige Action-Kino hat solche Charakterzüge nahezu völlig aufgegeben. Wirkliche Verzweiflung ist hier also nicht zu spüren. Neeson agiert souverän und kühl, wie man es aus den „Taken“-Filmen gewohnt ist. Auch seine Kollegen verleihen dem Film zwar eine gewisse Klasse, sind allerdings absolut verschenkt. Es gibt einfach keine Möglichkeit für sie zu glänzen, da sie entweder nur über das Telefon zugeschaltet sind oder die Auftritte zu kurz ausfallen. Einen schnellen Gehaltscheck kann sich hier vor allem Sam Neill abholen. Jonathan Banks, Serien-Fans als Cleaner Mike aus „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“ bekannt, ist eine nette Dreingabe. Er offenbart allerdings wenig Wandlungsfähigkeit und bekommt zu wenig Screentime.

Tempo in Schrittgeschwindigkeit

„The Commuter“ ist redlich darum bemüht, Geschwindigkeit vorzugaukeln. Dabei kommen nicht nur schnelle Schnitttechniken zum Einsatz, sondern teilweise gewitzte Kamerafahrten, die auch mal eben aus der Bahn ausbrechen, um dann wieder durch eine Seitenscheibe in den Zug einzubrechen. Hin und wieder wird auch mal der berühmte Vertigo-Effekt bemüht, um Rasanz zu erzeugen. Die Musik ist ebenfalls voll auf Spannung getrimmt. Es werden also genug Mittel zur Spannungserzeugung aufgefahren. Leider wirkt die Reise durch die Ruhelosigkeit, das ewige Hin und Her des Protagonisten, der sich stetig durch den Zug bewegt, ziellos. Ab einem gewissen Punkt fehlt der Figur die klare Aufgabe, ein richtiger Fokus.

Daran hat das Drehbuch beträchtliche Schuld, welches zum Anfang versucht, mysteriös und spannend zu wirken, aber nicht so recht auf den Punkt kommen will. Nicht nur MacCauley weiß hier zumeist nicht, was gespielt wird, auch der Zuschauer kann sich größtenteils nur fragen, worauf die Geschichte eigentlich abzielt. Natürlich kann ein Film funktionieren, wenn Hauptfigur und Zuschauer im Unklaren gelassen werden, allerdings muss dann wenigstens eine Marschrichtung klar sein. Mit 104 Minuten ist der Film zwar nicht lang, bietet aber unterwältigende Action und zu wenig Inhalt, der diese Laufzeit rechtfertigt. 15 Minuten weniger und diese Zugfahrt wäre deutlich knackiger ausgefallen. Wer einen geradlinigen Action-Thriller erwartet, wie man ihn von Neeson in der Regel kennt, dürfte durch die extrem konstruierte, klischeehafte und wirre Handlung verärgert sein. Anstatt hier unnötigen Ballast abzuwerfen, sich auf eine einfache, aber effektive Schnitzeljagd zu konzentrieren, versucht das Drehbuch genau das Gegenteil. Durch das unnötige Verwirrspiel zieht der Film oftmals die Notbremse, statt Action ohne Verschnaufpausen zu bieten.

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Die ohnehin rar gesäten Actionszenen basieren zumeist auf einfachen Prügeleien, mehr ist in diesem isolierten Setting auch kaum möglich. Das Alter von Neeson ist hier ein weiterer Faktor, der denkwürdiges Spektakel verhindert. Immerhin wird er nicht als übermächtiger Held dargestellt, sondern als Mensch, der auch mal zu Boden geht, dem die Kontrolle abhanden kommt. Sein Hintergrund als Ex-Cop macht ihn zwar gefährlich, aber es wird gezeigt, dass seine besten Jahre bereits hinter ihm liegen. Wirkliche Highlights oder spektakuläre Kämpfe sind leider keine auszumachen. Zweckmäßig wäre noch die netteste Bezeichnung für die Inszenierung der Action. Später im Film überschlagen sich dann nicht nur die Ereignisse, es wird ziemlich explosiv. Leider aber auch hier sehr mau getrickst. Immerhin wirkt der Abspann mit seinem Fahrplan-Design noch recht ideenreich. Einer der wenigen wirklich originellen Momente.

Fazit

Bei dieser behäbigen Fahrt kann einfach keine richtige Spannung aufkommen. Im schlimmsten Fall wirkt „The Commutor“ mit seinen eher mäßigen Effekten, den kraftlosen Actionszenen und dem unsinnig konstruierten Drehbuch eher wie eine DVD-Premiere als wie ein waschechter Kinofilm. Damit ist der Film nicht unbedingt schlecht, da seine Grundidee nett ist und man interessiert dem Protagonisten folgt, aber etwas wirklich Besonderes, das nachwirkt, fehlt gänzlich. Dementsprechend mager fiel auch das weltweite Einspielergebnis aus. Vielleicht wäre es für Neeson nun sinnvoll, sich auf ein eher ruhigeres Alterswerk mit nachhaltigen Rollen zu konzentrieren, statt zweitklassige Action-Filme zu drehen. Ansonsten dürfte sein Zug irgendwann tatsächlich abgefahren sein.

Bewertung:

2,5 Sterne

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Bildmaterial: StudioCanal

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