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Anbernic RG350 Handheld im Test: Retro-Gaming für die Hosentasche

Es gibt unzählige China-Handhelds auf dem Markt, die das Spielen von Retro-Games diverser Systeme ermöglichen. Die meisten von ihnen sind günstig und entsprechend mäßig verarbeitet oder softwareseitig stark eingeschränkt. Mit dem Retro Game 350 werden beide Probleme ausgemerzt und das zu einem Preis, der gerechtfertigt ist.

Qualität statt China-Schrott

Die Verarbeitung des Geräts ist ausgezeichnet, das fällt bereits beim ersten Auspacken auf. Alle Knöpfe wirken hochwertig, haben gute Druckpunkte und sogar die Analogsticks sind ausgezeichnet umgesetzt. Diese verfügen sogar über eigene Druckpunkte (L3+R3). Der Ersteindruck fällt deutlich besser aus als bei ähnlichen Geräten. Der Handheld liegt gut in der Hand, die matte Oberflächentextur sorgt für ordentlich Grip und Fingerabdrücke haben keine Chance. Spaltmaße oder billig anmutende Teile sind nicht zu finden. Hier wackelt und knarzt nichts. Die vier Schultertasten klicken wunderbar und alles wirkt sehr griffig. Das D-Pad ist äußerst präzise, womit Hadoukens in „Street Fighter II“ mühelos von der Hand gehen. Die Analogsticks kommen beim Spielen nicht störend in die Quere, auch, wenn es besser gewesen wäre, die Sticks entweder unten oder oben zu positionieren. An der versetzten Anordnung dürften sich manche stören. Der farbenprächtige 3,5″ IPS-Bildschirm ist gestochen scharf, auf höchster Stufe auch schön hell und obwohl die Auflösung fernab von HD liegt, ist sie für alle Spiele bis 32-Bit absolut angebracht. Das gehärtete Glas im Bildschirm wirkt dazu wirklich edel. Der 4:3-Bildschirm rundet diesen Eindruck ab, denn der ist genau auf die Kernkompetenz zugeschnitten: Retro-Spiele. Diese sind eben zumeist nicht in Breitbild gehalten, sondern glänzen im vertrauten Format alter Röhren-Fernseher der 80er und 90er.

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Die mehr als gute Verarbeitung kam im Test besonders gut an

Dem Spieltrieb sind (fast) keine Grenzen gesetzt

Eben jene Retrogames lassen sich wunderbar emulieren. Dazu benötigt es allerdings etwas Einarbeitung, denn zum einen ist das offene Betriebssystem OpenDingux eher etwas für Kenner und zum anderen erfordert jedes System seinen eigenen Emulator. Diese sind glücklicherweise bereits vorinstalliert, sodass man gleich mit SNES, MegaDrive, GameBoy und Co. beginnen kann. Für PC-Fans ist auch der beliebte DOSBox-Emulator vorinstalliert. Alles läuft größtenteils makellos, allerdings gibt es bei Arcade-Titeln ein paar Hürden. Es sind zwar drei Emulatoren (Xmame, FBA & MAME4ALL) vorinstalliert, allerdings unterstützt nicht jeder Emulator die bereits vorinstallierten Automaten-Games. Manche Spiele starten nur mit einer Fehlermeldung oder überhaupt nicht. Verwendet man z. B. den Emulator Fire Burn Alpha, kann es durchaus vorkommen, dass man einige Titel mit verschiedenen Revisionen ausprobieren muss. Der Neo-Geo-Klassiker „Windjammers“ funktionierte im Test nicht, bis eine entsprechende Rom gefunden wurde, die mit dem Emulator kompatibel war. Hier bedarf es teilweise etwas Feinarbeit, aber die lohnt sich.

Vorinstalliert waren hunderte GBA, Game Boy, NES, SNES, Mega Drive und Arcade-Spiele. Das Bestücken des Handhelds mit eigenen Spielen erweist sich dabei zunächst als Herausforderung. Über den zweiten USB-Port verbindet man das Gerät mit dem PC, kann allerdings nicht sofort über den regulären Explorer auf die interne SD-Karte zugreifen. Dafür braucht man einen FTP-Client und einen entsprechenden Treiber. Alternativ kann man auch das Netzwerkgerät über die IP-Adresse manuell hinzufügen und so über den Windows-Explorer Zugang bekommen. Einsteigerfreundlich ist das aber nicht. Die Anweisungen in der Anleitung waren auch wenig zielführend. Online war allerdings auf YouTube schnell eine Problemlösung gefunden: Besonders WinSCP eignet sich zum effektiven Daten-Management. Wem das alles zu kompliziert ist, der kann auch einfach eine externe Micro-SD-Karte über einen Kartenleser befüllen. Das RG350 unterstützt Speicherkarten bis zu 128 GB. Wer seinen eigenen Controller verwenden möchte, schließt ihn einfach an den ersten USB-Port an. Dafür benötigt man, ähnlich wie bei Smartphones, lediglich einen OTG-Adapter.

Für den Test wurde das Gerät auf die Firmware-Version 1.5 aktualisiert. Dafür musste eine entsprechende OPK-Datei heruntergeladen werden, die fix in den Apps-Ordner auf die interne Speicherkarte kopiert wurde. Über das Menü des Handhelds kann diese Datei dann einfach ausgeführt werden. Das Update brachte unter anderem eine bessere Emulation für PS1-Games und Vibrations-Support mit. Die Performance von PS1-Titeln ist zu 80 Prozent hervorragend, PAL- und NTSC-Spiele laufen zumeist in voller Geschwindigkeit. Hier seien „Tony Hawk’s Pro Skater 2“, „Rage Racer“ und „Crash Bandicoot“ erwähnt. Titel wie „Tekken 3“ oder „SoulBlade“ leiden allerdings noch unter Framerate-Einbrüchen unterhalb der 50-FPS-Marke. Eventuell werden diese Probleme durch weitere Updates oder bessere Emulatoren behoben. Gerade der PlayStation-Emulator PCSX4ALL hat bisher mehrere Aktualisierungen erfahren. Hier lohnt es sich, bei Bedarf nach Updates Ausschau zu halten. Die virtuelle PSX-Memory-Card wird leider nicht von allen Titeln erkannt. Das ist weniger tragisch, da man jederzeit manuelle Savestates über das Emulator-Menü anlegen kann. N64-Titel sind aktuell übrigens noch nicht wirklich spielbar. Zwar gibt es einen experimentellen Emulator, den man Online beziehen kann, allerdings ist dieser in einer sehr frühen Entwicklungsphase und die verbaute Hardware des Handhelds wird womöglich nicht ausreichen, um das System gut emulieren zu können. Alles bis 32-Bit funktioniert jedoch bestens. GameBoy, SNES, MegaDrive und ähnliche Systeme laufen also absolut makellos. Mit der Leistung darf man zufrieden sein.

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Hoher Nostalgiefaktor: Anbernics RG350 emuliert größtenteils hervorragend

Kleine Macken, aber Pluspunkte beim Akku

Der Sound des RG350 ist schön laut, größtenteils klar, aber leider etwas zu höhenbetont ausgefallen. Zeitweise wirkt der Ton dadurch etwas dünn. Mit Kopfhörern kann hier Abhilfe geschaffen werden. Die Lautsprecher sind dabei an der Unterseite angebracht. Eine gute Entscheidung, da andere Handhelds den Sound oft nur aus der Rückseite ausgeben. Eigene Spiele und Emulatoren (z. B. ScummVM oder VICE) wurden im Test über eine Micro-SD-Karte (32 GB) nachgerüstet, welche nicht zum Lieferumfang gehörte. Die FAT32-Formatierung war hier völlig ausreichend. Der interne Speicher im RG350 wird mittels einer 16 GB großen SD-Karte (13.6 GB davon verfügbar) realisiert. Genug Platz also für alles, was das Retro-Herz begehrt. Unsere heißgeliebten Pixel-Perlen sind schließlich oftmals kaum größer als wenige Megabyte. Das Gerät verfügt darüber hinaus über einen eigenen Dateibrowser, mit dem man Dateien und Ordner zwischen internem und externem Speicher verschieben kann. Die Bedienung dieses File-Managers ist jedoch wenig intuitiv, aber mit etwas Trial & Error kommt man schnell zum Erfolg. Der Videoausgang über HDMI und Composite funktioniert im Moment leider noch nicht, lediglich Ton wird über Composite ausgegeben. Das ist suboptimal. Ob hier ein Firmware-Update in der Zukunft Abhilfe schaffen kann, steht momentan in den Sternen. Da das RG350 allerdings in erster Linie für mobilen Spielspaß ausgelegt ist, fällt das kaum negativ ins Gewicht. Dafür überzeugt die Akku-Laufzeit auf ganzer Linie, die auf höchster Helligkeitsstufe locker 5-7 Stunden Spielzeit ermöglicht. Je nach Emulator, Rechenaufwand und Helligkeit kann man sicher noch mehr rauskitzeln. Aufgeladen wird mittels des beigelegten USB-Kabels, das über den aktuellen Type-C-Standard verfügt. Sehr lobenswert.

Fazit

Mit dem Retro Game 350 bekommt man einen hochwertig verarbeiteten Retro-Handheld, der aber etwas Hintergrundwissen abverlangt. Hat man sich erst reingefuchst, was dank diverser Online-Tutorials schnell gelingt, bekommt man ein tolles Gerät mit schönem IPS-Display. Die Emulation ist durchgehend auf hohem Niveau, nur bei manchen PlayStation-Titeln gibt es noch kleinere Performance-Einbußen. Ansonsten ist das RG350 eine klare Empfehlung. Damit lassen sich die Kindheits-Erinnerungen stilvoll wieder aufleben.

Bewertung

4 Sterne

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Anbernic Retro Game 350
Bildschirm: 3,5 Zoll IPS-Display (320 × 240)
CPU: 4770 Dual Core @ 1.0 GHz
RAM: DDR2 512MB
Speicher: 16 GB interne Micro-SD-Karte, extern erweiterbar bis 128 GB
Akku: 2500 mAh
Features: Musik, Video, E-Book
Preis: ca. 80 Euro (aus China) / ca. 120 Euro (aus Deutschland)

Autor: Sebastian Narkus

Galerie

 

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