SerienCheck, [Artikel], [Serien-Review]

„Too Old To Die Young“: Kritik zur Amazon-Prime-Serie von Nicolas Winding Refn

Spätestens seit Ryan Gosling 2011 im Neon-Crime-Cocktail „Drive“ als Stuntman und Fluchtwagenfahrer Coolness neu definierte, ist Regisseur Nicolas Winding Refn in aller Munde. Mit Filmen wie der „Pusher“-Trilogie oder dem polarisierenden „Only God Forgives“ hat sich der Däne bereits mehrfach in düstere Unterwelten gewagt. Nun hat er das Medium gewechselt und liefert mit „Too Old To Die Young“ Serienkost, die in vertrauter Tradition steht.

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Cop und Verbrecher: Detective Martin Jones (Miles Teller) serviert kühle Blicke

Gewohnt düstere Aussichten

Wie alle Werke von Nicolas Winding Refn ist auch die Serie „Too Old To Die Young“ eine ruhige, extrem atmosphärische und visuell umwerfende Angelegenheit geworden. Das Setting ist ganz vertraut im Untergrund-Sumpf von L.A. angesiedelt, mit seiner Neonbeleuchtung, dem verlogenen Hochglanz und einer alles verschlingenden Dunkelheit. Typisch NWR eben. Gerade die Bildsprache im Zusammenspiel mit der zumeist elektronischen, nervösen Musikuntermalung erzeugt eine vibrierende Atmosphäre. Wer „Drive“ und „The Neon Demon“ mochte, wird sich schnell zurechtfinden. Erneut wurde Cliff Martinez für den Soundtrack verpflichtet und das war eine weise Entscheidung. Wenn dröhnende Synthie-Beats auf stylish durchkomponierte Bilder treffen, ist ein audiovisueller Hochgenuss garantiert.

Im Vergleich zu „Only God Forgives“, welcher 2013 einen zwiespältigen Eindruck hinterließ, wird hier  glücklicherweise nicht style over substance gestellt. Die inhaltliche Komponente kommt keineswegs zu kurz, es wird sich nur viel Zeit genommen, um eindringliche Bilder und Stimmungen zu transportieren. Dabei reißt die Prämisse um einen lakonischen Polizisten, welcher gleichzeitig für die Unterwelt von Los Angeles als Killer wider Willen anheuert, zwar trotzdem keine Bäume aus, ist aber mit der Thematik der Dualität ganz im Geiste des Überraschungserfolgs „Drive“ gehalten.  Auch Ryan Gosling war Anno 2011 nicht nur mit seinem Tagwerk als Stuntfahrer in Hollywood  beschäftigt, sondern verbrachte ebenso viel Zeit hinter dem Steuer, um Gangster vor der Polizei zu bewahren. Ein Leben fürs Doppelleben.

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Stilistisch dreht Nicolas Winding Refn wieder völlig auf

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Hin und wieder schimmert David Lynch durch, wenn sich die Figuren irrational, fast verzerrt-unmenschlich verhalten. Dieser Eindruck wird durch die zunächst kryptische Erzählweise unterstrichen. Aber auch Anleihen an Stanley Kubrick sind in Form von ausgedehnten Kamerashots und langsamen Zooms in NWRs Schaffen immer wieder auszumachen. Darum sind seine Werke oft eine Empfehlung für Liebhaber dieser Regielegenden. Passend dazu sind auch die Figuren zumeist sehr kühl und unbequem gezeichnet, eine Identifikation verbietet sich fast ganz. Wer warme Charaktere sucht, schaut hier in die Röhre. Die Geschichte handelt aber auch nicht von Sympathen, sondern es sind einmal mehr die menschlichen Abgründe, die Kriminellen und Perversen, die in den Fokus gesetzt werden. Davon kann man sich bereits in der Pilotfolge überzeugen, wenn William Baldwin („Backdraft“) ekelhaft schmierig und unberechenbar agiert, dabei in seiner Nebenrolle regelrecht aufgeht. Das ist durch und durch unbequem. Für alle Videospielfreunde gibt es in der ersten Staffel dann noch einen besonderen Auftritt: Hideo Kojima, legendärer Schöpfer der „Metal Gear Solid“-Reihe, hat sich zu einem Cameo hinreißen lassen. Im Gegenzug tritt Nicolas Winding Refn dann in Kojimas kommendem Blockbuster-Game „Death Stranding“ auf. Auch Guillermo del Toro, Mads Mikkelsen und Norman Reedus werden im Videospiel zu sehen sein. Eine einfach hinreißende Kollaboration.

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Unverschämt cool: Videospiel-Visionär Hideo Kojima in „Too Old To Die Young“

Ja, bin ich denn im falschen Film?

Leider ist schon jetzt festzustellen, dass die Serie auch ein Publikum erreicht, welches das Projekt mit dem Totschlagargument der Langweile abstraft. So manche negative Besprechung auf Amazon spricht da Bände. Das ist natürlich auch den Film- und Serien-Flatrates geschuldet, welche zu einem Festpreis Zugriff auf hunderte Produktionen bieten. Denn wenn der Zuschauer keine zusätzlichen Kosten hat, dadurch keine weiteren Risiken eingehen muss, schaut er eben auch überall mal rein, ganz unabhängig davon, ob er weiß, auf was er sich da einlässt. Das ist ein recht neues Phänomen, aber Langweile ist zumeist eben auch das Problem eines Rezipienten, welcher sich nicht auf das Gesehene einlassen kann und eben nicht automatisch Makel eines Werks. Am Ende bleibt Refn eben Refn, mit seinen Stärken und Schwächen. Anspruchsvolle Kost erfordert auch immer aufnahmebereite Zuseher. Selbst „Drive“, welcher zu Refns zugänglicheren Werken gehört, wurde von einem Teil des Mainstreams noch verrissen, welcher testosterongeschwängerte Kost mit dutzenden, schrottreifen Boliden  erwartete.

Fazit

Wer nicht nur konsumiert, sondern weiß, worauf er sich einlässt, sollte sich „Too Old To Die Young“ nicht entgehen lassen. Auch wer Filmkunst liebt und Atmosphäre wirklich spüren kann, kommt nicht an dieser Show vorbei. Für Fans von NWR ist sie ohnehin Pflichtlektüre. Wer hingegen atemlose Spannung und Action nonstop sucht, wird woanders fündig. Hier gibt es nur faszinierende Bilder, eine pulsierende Stimmung, die zum Schneiden dick ist und eben gewohnt sperrige, fordernde Kost. Eben genau das, was es sein will und sein sollte. Dabei erfindet Refn das Rad nicht neu, bedient aber jeden Aspekt, den man vom Regisseur erwarten würde. Wer keine 10 Minuten still sitzen und das Medium nicht auf sich wirken lassen kann, der findet auf den gängigen Streamingseiten genug Material, um seine Zeit anderweitig totzuschlagen.

Bewertung

4 Sterne

„Too Old To Die Young“ ist seit dem 14. Juni 2019 auf Amazon Prime zu sehen.

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Bildmaterial: Amazon Prime Video / Amazon Studios

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