Gastartikel, SoundCheck, [Musik-Review]

SoundCheck: 40 Jahre EAV – Mit „Spitzer-Zunge“ stets am Puls der Zeit!

Ein Gastartikel von Tom R.

„Alles ist erlaubt“ – Das offiziell letzte Studioalbum der Ersten Allgemeinen Verunsicherung erschien am 28.09.2018. Würdiger Ausklang einer 40-jährigen Band-Geschichte oder seichter, altersbedingter Abgang?

Die folgende Einschätzung soll einen Einblick in das jüngste Werk der EAV bieten und die Frage klären, ob die Band nach stolzen 40 Jahren dem Hörer noch immer etwas mitzuteilen hat. Dazu konnte ich mir (quasi in letzter Minute) noch die limitierte 2-CD-Buch-Edition sichern, bevor sie ausverkauft war und zu Mondpreisen auf Ebay & Co. angeboten wurde. Diese Edition dient als Grundlage für den folgenden Artikel.

Ende der siebziger Jahre, hervorgegangen aus der österreichischen Kabarett-Szene, feierte die EAV ab Mitte der 80er bis in die Mitte der 90er Jahre mit bunten Shows sowie einschlägigen Nummern wie z. B. „Küss‘ die Hand, schöne Frau“ große (kommerzielle) Erfolge und konnte sich bis heute eine treue Fan-Gemeinde bewahren. Die EAV steht aber seit jeher nicht allein für reinen Spaß und pure Unterhaltung, sondern ebenso für satirische, bissige Texte, die den jeweiligen Zeitgeist kritisch beäugen. Gerade für die treuen Fans ist das aktuelle Album u. a. auch als limitierte Buch-Edition mit Interviews, Liedtexten sowie Karikaturen und Comics von EAV-Urgestein Thomas Spitzer erschienen.
Getreu dem Titel „Alles ist erlaubt“, der der Grundgedanke bei der Albumproduktion war, soll es mit seiner Mischung aus diversen musikalischen Stilrichtungen und kritischen Texten, auch wieder einen Spiegel unserer Zeit darstellen. Dies verrät Spitzer eingangs im abgedruckten Interview des Buches.

Werfen wir nun einen Blick auf die einzelnen Lieder des Albums:

„Alles ist erlaubt“ ist zugleich auch das einleitende Stück, mit dem das Album einen rockigen Start mit Ohrwurmpotenzial hinlegt. Hier wird thematisch der ganz große Bogen gespannt, der mittels ironischem Text die globalisierte, kapitalistische Welt anprangert, in der sich jeder selbst der Nächste ist.

Der zweite Titel „Am rechten Ort“ bildet einen musikalischen Kontrast zum ersten und stimmt ruhigere Töne an. Thematisch geht es um die fehlende Zufriedenheit/Dankbarkeit der Menschen in den reichen europäischen Industrieländern, die nicht merken, wie gut es ihnen eigentlich geht. Reichtum, Frieden und Meinungsfreiheit würden nicht wertgeschätzt, während man in der sogenannten „Dritten Welt“ teils täglich ums eigene Überleben kämpfen muß.
Sicherlich kein neues Thema. Jedoch eine auf persönlichen Erfahrungen beruhende und verständliche Herzensangelegenheit der Künstler, verbringen Thomas Spitzer und Klaus Eberhartinger doch schon seit Jahrzehnten einen Großteil ihrer Zeit in Kenia, wo übrigens auch das vorliegende Album produziert wurde. Ein sehr persönliches Lied.

Mit dem „Trick der Politik“ geht es dann gleich wieder ohrwurmlastig und eingängig weiter. Ein stets aktuelles Lied über Politiker mit Gummirückgrat und ihren Verquickungen mit der Wirtschaft. Vertonte und bebilderte Polit-Satire, welche in der Buch-Edition von einem – von Thomas Spitzer handgemachten – Comic begleitet wird. Als Album-Auskopplung findet man dazu ein ebenfalls handgefertigtes Musikvideo auf YouTube:

Beim vierten Titel „Erzöh‘ ma‘ des“ handelt es sich um eine alte Idee aus den 80er Jahren, verrät Spitzer im Interview. Der Text wird mit entspannten Posaunen- und Saxophonklängen untermalt und ist in etwa mit dem Lied „Morgen“ vergleichbar.

Titel fünf „Imam“ ist ein kurzer satirischer Einspieler über Sprengstoffattentäter, der das sechste Lied „Rabenschwarz und Weiß“ einleitet.
„Rabenschwarz und Weiß“ thematisiert das Problem zweier politisierter Weltreligionen (Christentum und Islam) im Gleichnis zweier Vögel, die sich gegenseitig ihre Verfehlungen vorwerfen, um sich selbst als denjenigen mit dem „wahren Glauben“ über den jeweils anderen zu positionieren. Am Ende stellen sie fest, daß sie ohne Religion im Grunde gut miteinander auskommen. Hier findet Spitzer beim Texten wieder deutliche Worte: „Ei, beim Barte des Propheten, krächzt der Rab‘ und macht ‚Schab-Schab‘. Komm, wir teilen uns den Wurm und fall‘n vom Ast des Glaubens ab!“ Im Refrain heißt es u. a.: „Religion ist eine Pest, bei der man Federn läßt“.

Humoristischer geht es im anschließenden siebten Lied zu. Hier beschreibt sich Thomas Spitzer selbstironisch, im Buch begleitet von einigen Karikaturzeichnungen. Es geht ums Altwerden, dessen unschöne Begleiterscheinungen und wie man trotzdem eine „Coole, alte Sau“ bleibt. Erinnert thematisch ein wenig an die Live-Veröffentlichung “Klaus Eberhartinger & Die Gruftgranaten Austropop in Tot-Weiss-Tot (2000 Jahre sind genug)“.

Der achte Titel „Gegen den Wind“ ist eine echte Überraschung und klingt erst einmal gar nicht nach der „typischen“ EAV. Denn für die zweite rockige Nummer des Albums, hat man Lemo („So wie du bist“) als Gastsänger engagiert. Zudem kommt das Lied ganz ohne Humor aus und vermittelt eine gewisse Schwermut, die der Sänger mit seiner Stimme, passend zu vermitteln weiß. Eine untypische, aber dennoch gelungene EAV-Nummer, der sogar ein eigenes Musikvideo gewidmet wurde:

Mit dem Kurztitel „Müßiggang“ kehrt das Album wieder zu selbstironischem Humor zurück. Hier ist der Name Programm.

„Es ist nie zu spät“ befindet sich auf dem Album an zehnter Stelle und schlägt eingängige Country-Töne an. Thematisiert wird augenzwinkernd das Selbstmitleid bzw. der Selbstbetrug in der Erkenntnis, daß es nie zu spät sei (anderen die Schuld für sein eigenes Versagen zu geben).

Nummer elf: „Salatisten-Mambo“ hat für mich alles, was ein „typisches“ EAV-Lied ausmacht. Es ist quasi der Inbegriff der EAV und weshalb ich sie so gern höre. Ein humoristisch-satirischer Text voller wahnwitziger, kreativer Wortschöpfungen, getragen von einer ohrwurmaffinen Melodie. Gleichzeitig werden klar und deutlich Parallelen zu bestimmten Ideologien aufzeigt. Thema sind in diesem Fall militante Veganer, die in Bezug zu Salafisten gesetzt werden. Eine vordergründig spaßige Nummer mit ernstem Nachgeschmack. Im Buch wird der Liedtext wieder von einem eigens angefertigten Comic begleitet; ein Musikvideo existiert dazu bereits auf YouTube:

„Das Wandern“ ist wieder ein satirischer Einspieler für das darauffolgende 13. Lied „Rechts 2/3“. Für mich ein ebenso grandioses Lied wie „Salatisten-Mambo“. Ein ohrwurmlastiges, mit bitterbösem Text versehenes Lied, das den durch die Flüchtlingsströme ausgelösten Rechtsruck in den europäischen Ländern thematisiert. Im begleitenden Comic stellt Thomas Spitzer zusätzlich unter Beweis, welch fabelhaftes Karikaturistentalent in ihm steckt. Es bleibt zu hoffen, daß hier künftig ebenfalls noch ein Musikvideo erscheint.

Melancholische, fast schon zerbrechlich-sanfte Töne, begleitet von einem Klavier, schlägt Nummer 14 mit „Der letzte Brief“ an. Inhaltlich ist es für mich wie eine Warnung vor der logischen, letzten Konsequenz der Bedeutung in „Rechts 2/3“. Es erzeugt eine unmittelbare Nachkriegsstimmung, die nicht nur zufällig an Marlene Dietrichs Version von „Sag mir, wo die Blumen sind“ erinnert.

„Verflucht“ bildet an 15. Stelle zusammen mit „Alles ist erlaubt“ und „Rechts 2/3“ quasi den Abschluß der „Rock-Trilogie“ auf dem Album und liefert gleichzeitig eine thematische „Begründung“, jedoch ohne dabei den erhobenen Zeigefinger zu schwenken.

„s’Glück“ ist eigentlich eine ältere Nummer aus dem Jahr 1994, verrät Spitzer im Buch. Ein gefälliges Lied, mit der Grundaussage, daß jeder seines Glückes Schmied ist.

Mit „Freiheit“ an Stelle 17 sind wir bei den Bonus-Liedern der limitierten Doppel-CD-Buchversion angelangt. Ein ebenfalls gefälliges Stück, daß die Frage stellt, wie viel Freiheit der Mensch verträgt und ob er damit wirklich sinnvoll umzugehen weiß. Sollte wirklich alles erlaubt sein?

„Man soll den Tag…“ ist der 18. und letzte Titel des Albums. Ein minimalistisches und von Klaus Eberhartingers Sprechgesang getragenes Stück. Im Grunde eine Kurzgeschichte, die stilistisch an „Bimmsemann und Roggenkeil“ erinnert.

Bonus-CD „Alles für den Hugo…“: Hierbei handelt es sich um eine Sammlung von Alternativ-, Demo- sowie Instrumental-Versionen der auf dem Hauptalbum befindlichen Lieder.

Fazit:

Auch mit ihrem letzten offiziellen Studioalbum weiß die EAV selbst nach 40 Jahren immer noch zu überzeugen. Der „typische“ EAV-Charakter ist erhalten geblieben. Jeder kennt „Banküberfall“, „Märchenprinz“, „Ding Dong“, den „Alpen-Rap“ oder andere humoristische Unterhaltungsstücke. Doch wer sich jemals ein Album der EAV ganz bzw. intensiver zu Ohren geführt hat, der weiß auch, wie viel gesellschaftskritische Satire und schwarzer Humor in den Texten steckt. Eine Band, die so viel mehr ist, als die gemeinhin bekannte Spaß-Gruppe. Mit „Spitzer-Zunge“ stets am Puls der Zeit und auch immer wieder „gegen den Wind“. Selbiger Titel ist gleichzeitig auch eine Aussage über die Band selbst und drückt den Wusch der Künstler aus, nicht immer alles ins typische „Korsett der EAV“ – wie es Spitzer im Buch beschreibt – zwängen zu müssen. Andere Projekte wollen realisiert, künstlerische Ideen neu umgesetzt werden.
Trotz des Abschieds ist nicht davon auszugehen, daß man von Thomas und Klaus nichts mehr hören wird. Denn Eberhartinger antwortet in einem Youtube-Interview auf den Frage zum endgültigen Abschied der EAV mit folgenden Worten: „Falls‘ uns wieder juckt, wer‘ ma uns kratzen“ (6:16 – 6:50). (Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=Wr6nHZp3J1Q ). Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Für mich war und ist die Erste Allgemeine Verunsicherung die musikalisch vielseitigste, textlich kreativste deutschsprachige Band, die neben allem Witz und aller Unterhaltung, stets ebenso scharfzüngige und klare Worte findet, wo es politische oder gesellschaftliche Mißstände anzuprangern gibt.

Und wer einen Überblick zum Schaffen der EAV erhalten möchte, dem sei zum Schluß noch folgende Seite wärmstens empfohlen: https://www.verunsicherung.de/faq.html

EAV-Alles-Ist-Erlaubt-Album-Small-Cover

Bildmaterial: Ariola / Sony Music

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