CineCheck, [Artikel], [Filmkritik]

„Avengers: Infinity War“-Kritik: Gleichgewicht des Giganten

Ganze 18 Filme hat Marvel produziert, um auf „Avengers: Infinity War“ hinzusteuern. Ein Jahrzehnt ist dabei verstrichen. Mit vielen Storylines und jeder noch so kurzen Post-Credit-Szene hat man systematisch auf diesen einen Film hingearbeitet. Ein großes Superhelden-Schaulaufen der Extraklasse. Alle vereint im Kampf gegen einen überlebensgroßen Gegner, dem Titanen Thanos.  Hat sich diese Dekade des Aufbaus gelohnt oder enttäuscht die Helden-Action wie zuletzt DCs „Justice League“?

Marvels „The Expendables“

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Wer beim ersten Ausflug der Avengers schon mit der Zunge schnalzte, wird hier in völlige Ekstase verfallen. Bis auf wenige Ausnahmen sind hier wirklich alle Superhelden des Marvel Cinematic Universe gebündelt in der Schlacht gegen einen grausamen Gegner. Das geradezu unglaubliche daran ist die Tatsache, dass trotz dieses Overkills alle Figuren ihren Moment bekommen, niemand auf der Strecke bleibt. Die Russo-Brüder haben hier ein wirkliches Fingerspitzengefühl und Hang zur Perfektion bewiesen. Bravo!

Die Exposition der Figuren wird diesmal schnell, aber pointiert abgehakt. Große Einführungen sind nicht mehr nötig. Nichtkenner dürften damit hoffnungslos überfordert sein, aber sie stellen auch nicht die Zielgruppe dar. Um ein ausgeglichenes Spektakel zu erschaffen, hat man auch Opfer gebracht. So wurde Robert Downey Jr. und sein Iron Man etwas in den Hintergrund geschoben. Natürlich hat er genug Screentime, aber es ist doch deutlich zu spüren, dass er hier wirklich nur einer von vielen ist. Das war sicher keine falsche Entscheidung. Viele Fans wollten den großen Fokus auf Iron Man nicht mehr hinnehmen. Hier hat man diesen Kritikpunkt spürbar entschärft. Zumal es mit Dr. Strange und Star-Lord zwei sehr ähnlich geleagerte Vertreter des selbstbewusst-arroganten, aber liebenswerten Arschlochs gibt. Nicht verwunderlich, dass es gerade die Szenen sind, in denen diese Figuren miteinander agieren, die wirklich amüsant sind. Es fühlt sich fast wie damals an, als die großen Egos im ersten „Avengers“-Film aufeinanderprallten.

Ohnehin besteht der große Charme darin, wie diese Superhelden aufeinandertreffen, sich kennenlernen und zeitweise selbst bekämpfen. Wer Freund und wer Feind ist, muss erst herausgefunden werden. Hier wurde messerscharfe Präzision bewiesen. Sobald die Interaktion stattfindet, ist gute Laune und Dauergrinsen garantiert. Natürlich ist der Plot arg konstruiert und irgendwie laufen sich die Helden äußerst forciert zufällig über den Weg. Das ist zu verkraften. Die Gratwanderung bei der Implementierung der „Guardians of the Galaxy“ hat in jedem Fall funktioniert. Entgegen meiner Erwartungen wurden diese schon recht früh im Film eingebaut, wohl weil sie einen größeren Beweggrund brauchten, sich am Kampf zu beteiligen. Mit ihnen kommen einige köstliche Szenen zustande, wenn z. B. Drax im Kampf mit Dr. Stranges Cape inbrünstig-heroisch schreit: „Stirb, Decke des Todes!

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Etwas zu kurz geraten ist der Auftritt von Captain America, der mit komplett neuem Look die Identität von „Nomad“ angenommen hat. Hier hätte man etwas mehr auf auf seine Abkehr vom alten Cap-Image eingehen können. Auch Spider-Man darf nur wenig beitragen. Er dürfte allerdings aufgrund seiner Fähigkeiten ohnehin schwieriger in die bombastischen Actionszenen zu integrieren gewesen sein. Immerhin hat er einen neuen Anzug und der macht dem Spinnenmann buchstäblich Beine. Auf Hulk muss man sogar fast komplett verzichten. Es dürfte aber klar sein, dass er in „Avengers 4“ seinen Auftritt bekommen wird, dafür wird seine Figur entsprechend vorbereitet. Besonders Erwähnung muss an dieser Stelle noch der Auftritt von Peter Dinklage finden, der wirklich sehr ironisch aufgezogen wurde. Außerdem ist er in einen interessanten und atmosphärischen Handlungsstrang verwickelt. Mehr möchte ich nicht verraten.

Thanos der Tragische

Was ist ein großer Haufen Übermenschen ohne einen würdigen Gegner? Nichts. Was ist ein großer Haufen Superhelden im Vergleich zu Thanos? Ebenfalls nichts! Sein Heimatplanet näherte sich der totalen Zerstörung, weil durch Übervölkerung die Ressourcen erschöpft waren. Titan drohte zu verkümmern. Anstatt dem Untergang seiner Welt zuzusehen, beschloss Thanos das Unfassbare: Ein systematischer Genozid zur Erhaltung eines ganzen Planeten. Die halbe Bevölkerung musste weichen, ein Gleichgewicht des Grauens. Genau diese Philosophie, dieser Irrsinn des Titanen treibt ihn wahnhaft, aber ausgesprochen zielstrebig und ruhig voran. Er begreift sein Handeln nicht als Verbrechen, sondern als Dienst an einem sterbenden Universum. Trotz aller Überzeugung lastet eine Schuld auf seinen Schultern, eine Bürde, die er tragen muss, weil sie sonst niemand anders tragen will. Dabei ist er bereit, wirklich jedes Opfer zu bringen, das nötig ist. Er inszeniert sich als tragische Figur, die am meisten zu verlieren hat, obwohl er das halbe Universum auslöschen will. Das ist ein interessanter Gedanke, der leider nicht tiefgehender behandelt wird. „Watchmen“-Qualitäten werden hier erzählerisch also nicht erreicht.

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Trotz seiner Grausamkeit umgibt Thanos eine gespenstische Ruhe, eine Ausgeglichenheit und auch Würde. Das ist eher eine Seltenheit in der Geschichte des modernen Action-Kinos. Er hat es nicht nötig zu schreien, bewahrt sich jederzeit seinen Gleichmut. Mit Steppenwolf, der in DCs „Justice League“ einfach nur zweckdienlich und dabei charakterlos seinen diabolischen Taten nachging, hat er nichts gemein. In ihm liegt ein Weltschmerz begraben, den niemand außer ihm begreifen kann. Gerade diese selbst auferlegten Bürde treibt ihn voran, macht ihn brandgefährlich. Das bekommen unsere Helden eindrucksvoll zu spüren. Sie wirken zeitweise wie Insekten, weil Thanos durch seinen „Infinity Gauntlet“ selbst den Göttern zu trotzen scheint. Genau darin liegt die Meisterleistung, denn oftmals entsteht bei Superhelden kein echtes Gefühl der Gefahr. Es ist immer klar, dass sie jedes noch so große Unheil am Ende überstehen werden. Thanos hingegen macht keine Gefangenen und es gibt einige Verluste zu beklagen. Wenn der Zuschauer ins Zweifeln gerät, funktioniert Kino. Dieses Ausmaß der Gefahr ist innerhalb des MCU eine willkommene Neuerung. Der Film entlässt uns gar mit einem fiesen Cliffhanger und der wohl größten Prüfung für die versammelte Heldengewerkschaft.

Das wirklich fiese an Josh Brolins Darstellung: Er gibt uns gerade genug, um ihn abzulehnen und gleichzeitig zu viel, um ihn gänzlich zu verachten. Auf geradezu perverse Art und Weise ist sein Handeln innerhalb seiner Gedankenwelt nachvollziehbar. Damit ist Thanos der heimliche Star von „Avengers: Infinity War“ und dessen waren sich die Filmemacher vollends bewusst. Wenn im Abspann also großmundig „Thanos will return.“ angekündigt wird, als sei er James Bond, dann spricht das von einem Selbstbewusstsein, das nicht unverdient ist. Er ist ein großer Stützpfeiler und einfach ein wirklich guter Bösewicht. Es mutet ironisch an, dass Josh Brolin aktuell auch als Gegenspieler in „Deadpool 2“ zu sehen ist, bei der er die absolute Parodie verkörpert. Cable: Obercool, grimmig, würdelos. Auf zwei Hochzeiten tanzen, das scheint für Brolin zu funktionieren.

Anzumerken sei noch Thanos‘ rechte Hand in Form von Ebony Maw, herrlich schmierig gespielt von Tom Vaughan-Lawlor.  Er steht in der Tradition von Kreaturen, die man sonst nur aus 80er-Fantasy-Perlen Marke „Der dunkle Kristall“ kennt. Als Mitglied von Thanos‘ schwarzem Orden kann er jedenfalls herrlich ekelhaft agieren und die Bevölkerungen ganzer Planeten verhöhnen.  Leider ist sein Auftritt kriminell kurz ausgefallen.

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Meisterhafter Mega-Blockbuster

Neben den genannten Qualitäten überzeugt „Infinity War“ durch ein wunderbare Umsetzung. Seine bildgewaltige Inszenierung überzeugt auf allen Ebenen. Zumal wir hier nicht nur mustergültige Actionszenen serviert bekommen, sondern äußerst ideenreiche noch dazu. Tatsächlich sucht der Film immer neue Möglichkeiten, um sein Feuerwerk zu zünden. Da kommt der „Infinity Gauntlet“ gerade recht, mit dem die Visual Artists nicht nur bombastische, sondern teilweise auch richtig abgefahrene Ideen verwirklichen konnten. Hin und wieder geht vielleicht mal die Übersicht flöten, wenn der Hyperaktiv-Schnitt bei den Nachtszenen in Schottland etwas überhand nimmt. Ansonsten stimmt das Tempo durchgängig. Hier wurde ein rundum meisterlich gefertigter Actionfilm gedreht, der dank Alan Silvestri auch mit einprägsamen und spannenden Orchesterklängen aufwarten kann.

Um Wiederholungen zu vermeiden, wird zwar New York als Schauplatz wiederverwertet, aber nicht ausgiebig thematisiert. Der Krieg findet andernorts statt, auch auf anderen Planeten und Kontinenten. Nach „Black Panther“ wird Wakanda nun wieder prominent in Szene gesetzt. Das bringt etwas Würze rein. Überraschend ist der Fokus des Films, der weniger Actionszenen bietet, als man erwarten würde. Natürlich gibt es viel Bombast zu bestaunen, allerdings legt „Infinity War“ auch viel wert auf seine Erzählung. Großartig! Ab der Hälfte geht dem Film fast ein klein wenig die Puste aus, dafür entschädigt aber das kolossale Finale locker.

„Realität ist oft enttäuschend.“

Trotz der technischen Perfektion und seiner sinnvoll integrierten Figuren fehlt ein wenig der Aha-Effekt, den der erste „Avengers“-Auftritt noch geboten hat. Mit rund 20 Filmen und bereits einigen Titeln in der Vorproduktion, ist das MCU doch deutlich übersättigt. Das kann man verschmerzen, weil qualitativ nahezu immer hochwertiger Content produziert wird. Dennoch dürfte die Geschichte der Avengers in dieser Kombination wirklich bald auserzählt sein, spätestens, wenn das Sequel zu „Infinity War“ angelaufen ist. Spannend bleibt die Frage, wie Marvel seine Filme komponieren wird, wenn der große Krieg vorbei ist und die Scherben aufgesammelt werden. Ein neuer Fokus muss gefunden werden. Neue Helden, neue Abenteuer und neue Bösewichter müssen entstehen. Mit „Captain Marvel“ hat man schon die nächste Marke in der Pipeline, und auch durch die Option auf Starhawks Weltraumpiraten aus „Guardians of the Galaxy 2“ hat man genug Möglichkeiten.

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Fazit

„Avengers: Infinity War“ ist ein gewohnt unterhaltsamer Blockbuster geworden. Was ihn allerdings zu einem wirklich guten Film macht, ist Widersacher Thanos. Diese faszinierende Figur bietet nicht nur einen guten Gegenpol zu den Superhelden, sondern ist auch die Antithese der sonst so eindimensionalen Schurken der modernen Filmgeschichte. Neben seinem charismatischen Bösewicht überzeugt das Actionspektakel durch seine wirklich sehr homogene Atmosphäre innerhalb der Heldenriege. Trotz seiner unzähligen Charaktere schafft es der Film problemlos, seinen Figuren genug Raum zu geben. Hier ist alles im Gleichgewicht, ganz im Sinne des Antagonisten. Mit einer enormen Vorarbeit hat Marvel einen Unterhaltungsfilm-Kosmos erschaffen, der sich stimmig und rund anfühlt. Zur Perfektion fehlt ein wenig mehr Tiefgang auf Seiten der Helden und dieser gewisse Überraschungs-Effekt, denn mittlerweile erschöpft sich Marvel doch ein wenig in seinen bald zwei Dutzend Comic-Filmen. Nichtsdestotrotz ist das immer noch Mainstream-Kino auf höchstem Niveau und ein Genuss für Fans.

Bewertung:
4,5 Sterne

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Bildmaterial: Walt Disney

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5 Gedanken zu „„Avengers: Infinity War“-Kritik: Gleichgewicht des Giganten“

  1. Großartig geschrieben – vielen Dank für deine Eindrücke zu diesem genialen Film.

    Marvel hat sich bei mir nicht zuletzt durch dieses Meisterwerk sehr viel Vertrauen und Vorschusslob erkauft, um in Zukunft genauso bei mir punkten zu können. Ich bringe automatisch sehr viel Toleranz mit ins Kino, weil die Leute da in den letzten Jahren einfach wussten, was sie taten. Labels wie Marvel lassen deswegen an eine unterhaltsame Zukunft des Kinos glauben.

    Gefällt 2 Personen

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