CineCheck, [Artikel], [Filmkritik]

„The Disaster Artist“-Kritik: Der Traum eines lächerlichen Menschen

Mys·te̱·ri·um
Substantiv [das]gehoben

1.
Religion
Geheimnis des Glaubens.
2.
etwas Unerklärliches, Rätselhaftes.
„Warum er bei dem Unfall nicht verletzt wurde, das bleibt ein Mysterium.“

Tommy Wiseau ist so ein Mysterium. Bevor sich Hollywoodstar James Franco seiner annahm, war er nur unter eingefleischten Fans bekannt. Mit dem Film „The Room“ etablierte sich Wiseau mal eben als schlechtester Regisseur der Welt, ein Titel, der fast ein halbes Jahrhundert mit Ed Wood in Verbindung gebracht wurde. „The Room“ gilt als Wiseaus Magnum Opus, das Millionen Zuschauer auf der Welt belustigte. Ein Internet-Meme, einfach Kult.

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„What a story, Mark!“

Um den exzentrischen Regisseur ranken sich allerlei Mythen. Spekuliert wird über sein Alter, seine Herkunft und seine Vergangenheit. Angeblich stamme er aus Polen. Er selbst behauptet, als Kind in New Orleans aufgewachsen zu sein. Weiter besagen Gerüchte, er habe seinen ersten Film mit Mafiageld finanziert. Die Geschichten um ihn sind geradezu irrwitzig. Sein sehr eigenwilliger Akzent im Zusammenspiel mit seinen wirklich eigenartigen Gesten, machen ihn zu einem unterhaltsamen Fremdkörper in der sonst so gleichförmigen Landschaft von Hollywood. Umso schöner ist es, dass die Industrie, die ihn einst verschmähte, nun diese zweite Chance offeriert. Wiseau bekommt den Fokus, den er sich immer erträumte. Doch schafft es „The Disaster Artist“ die eigenartigen Manierismen Wiseaus einzufangen, oder bleibt es ein oberflächliches Mienenspiel?

Tatsächlich ist mit diesem Biopic eine schöne, amüsante Underdog-Story entstanden, ohne jemals hysterisch witzig zu sein. Da hätte man in der Kombination Seth Rogen und James Franco, die sonst eher für deftigen Klamauk bekannt sind, auch anderes erwarten können. Tatsächlich verlässt sich der Film auf seinen natürlichen Humor und setzt selbstzweckhafte Gags sparsam ein. Für 100 Minuten begleiten wir einen talentlosen Träumer dabei, wie er seinem Wunsch vom eigenen Film greifbar nahe kommt und dann auf charmante Art und Weise den Karren gegen die Wand fährt. Wenn das nicht alles so hinreißend abgedreht wäre, könnte man fast von einer Tragikomödie sprechen. Zwar erscheinen manche Szenen zu übertrieben klischeehaft und konstruiert, aber das ist im Rahmen des Spielfilms in Ordnung. Dokumentarischer Anspruch ist nicht gegeben und der Film nimmt sich auch die Freiheiten, das Szenario und die Dialoge noch weiter zu überspitzen:

„I did naaaaaaaaaaaaaaaaaaaaht.“

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„You are tearing me apart, Lisa!“

Mit James Franco hat man eine kompetente Besetzung für den Sonderling Wiseau gefunden. Es ist jederzeit zu spüren, wie er diese Rolle genießt, sie mit Leidenschaft und Sehnsucht füllt, ohne jemals den Mantel der Lächerlichkeit abzulegen. Wann immer es sich anbietet, übertreibt Franco Wiseaus Eigenarten um ein vielfaches. Es dürfte schwer sein, diese Charakterzüge pointiert und trocken einzufangen. Das Mittel der Karikatur eignet sich hier besser, um die typischen Charakterzüge leichter einfangen zu können. Ohnehin ist Tommy Wiseau einfach zu einmalig, um ihn adäquat reproduzieren zu können. Im Rahmen der Möglichkeiten hat Franco aber einen guten Job abgeliefert.

Bruder Dave Franco spielt in „The Disaster Artist“ Greg Sestero , den besten Freund von Wiseau und seinen Schauspieler. Die Muse, wenn man so möchte. Dabei wird überdeutlich, dass Dave Franco mit der Figur unterfordert ist. Kein Wunder, ist Sestero doch in Wirklichkeit ausdruckslos, spricht monoton und beschreibt sich selbst als eher introvertiert. Im Film wirkt er glücklicherweise lebhafter, was auch durch die charmante Männerfreundschaft unterstrichen wird. Im Zuge der Komik verfügt diese übrigens zeitweise auch über homoerotische Zwischentöne, wenn Wiseau sich wie eine eifersüchtige Diva aufführt, wann immer er Sesteros Freundin in der gemeinsamen Wohngemeinschaft antrifft. Das wirkt etwas zotig, aber ist immer harmlos gehalten. In den Nebenrollen agieren alle anderen Schauspieler kompetent und gerade Seth Rogen hält sich etwas zurück. Das ist mal eine angenehme Neuerung. Einige nette Gastauftritte (u. a. Bryan Cranston, Sharon Stone) gibt es auch zu bestaunen, diese fallen allerdings sehr klein aus.

Eine Liebes- und Kriegserklärung

Interessanterweise stellt „The Disaster Artist“ seine Hauptfigur nicht durchweg als talentlosen, aber sympathischen Träumer mit dem großen Herzen dar, sondern zeichnet ihn auch zu großen Teilen als egoistischen, sehr kindischen Querkopf. Das wirft nochmal eine neue Facette auf den Menschen hinter der Geschichte. Wer sich allerdings erhofft, einen intensiven Blick auf diese Person mit neuen Einblicken zu gewinnen, der könnte enttäuscht werden. Seine Vergangenheit und Beweggründe bleiben absichtlich schleierhaft. Damit erhält sich Hollywood die Legende um seinen bizarren Anti-Star.

Nun kann man darüber mutmaßen, ob James Franco wirklich der große Bewunderer Wiseaus ist, als der er sich in unzähligen Interviews und bei Preisverleihungen präsentierte, oder ob er einfach die Gunst der Stunde nutzen wollte. Wiseaus Leben, sein Schaffen und seine ganze Person sind einfach zu unterhaltsam, um sie einem großen Publikum vorzuenthalten. Hollywood liebt seine Verlierer-Storys. In jedem Fall zahlte sich Francos Mut aus: Bei den Golden Globes 2018 wurde er mit dem Preis für den besten Hauptdarsteller in der Kategorie Komödie/Musical ausgezeichnet. Darauf folgte ein bittersüßer Moment, in dem Franco die Bühne betrat, um seine Dankesrede zu halten. Wiseau selbst, der sein ganzes Leben auf so eine Chance gewartet hat, ließ es sich nicht nehmen und kam fix selbst auf die Bühne. Er wollte wahrscheinlich einfach mal ein paar Dinge zu den Menschen sagen, zu denen er selbst einst gehören wollte. Doch manchmal ist nur in der Fiktion Platz für Träumer und Franco zog dem Underdog grinsend das Mikro weg, dem Sonderling, der ihm den Golden Globe überhaupt erst ermöglichte…

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Fazit

„The Disaster Artist“ ist ein charmantes, empfehlenswertes Kleinod für jeden, der Underddog-Storys liebt. Die Darstellungen sind treffend, wenn auch manchmal überzogener als die Wirklichkeit. Die Betrachtung seiner eigenen Hauptfigur nimmt der Film mit einem ausgewogenem Blick vor. Dabei werden die positiven und negativen Aspekte dieses Mannes gleichermaßen beleuchtet. Hier und da setzt der Film zu sehr auf Kitsch und Konventionen, darüber lässt sich aber dank des Unterhaltungsfaktors hinweg sehen. Aufgrund der wirklich sehr speziellen Art  der Hauptfigur, welche sich nicht gut in eine andere Sprache übertragen lässt, ist hier allerdings der Originalton Pflicht, sonst verpasst man den eigentlichen Film. Wir sprechen hier schließlich von einem polnischen Franzosen aus New Orleans, der einen unverwechselbaren Akzent an den Tag legt.

Bewertung:

4 Sterne

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Bildmaterial: Warner Bros. Deutschland

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5 Gedanken zu „„The Disaster Artist“-Kritik: Der Traum eines lächerlichen Menschen“

  1. Nur am Rande. Ich persönlich glaube, dass Franco tatsächlich Wiseau bewundert. Ähnlich wie Wiseau hat auch Franco Filme gemacht, die grottenschlecht sind. Z.B. Das ist das Ende. Der Film war damals mit das Schlimmste was ich in der Zeit gesehen habe. Aber! Es war/ist genau der Film den Franco (mit seinen Freunden) machen wollte. Egal was die Kritiker dazu sagen. Und tatsächlich wurde der Film auch Kult. Oder zumindest entwickelte er eine breite Fanbasis.
    Von daher glaube ich schon, dass Franco Wiseaus Mut, Beharrlichkeit und Leidenschaft bewundert.

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    1. Danke für Deinen Kommentar!

      Okay, da ist was dran. Allerdings liegen schon qualitative Welten zwischen „Das ist das Ende“ und Wiseaus Output. Wenn ich Francos Grinsen und Enthusiasmus sehe, glaube ich ihm das auch, aber ein kleiner Teil wirkt für mich immer, als würde er sich auch über Wiseau lustig machen. Allerdings müsste sich das Wiseau auch gefallen lassen, er ist nunmal von einem anderen Stern.

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      1. Stimmt. Allerdings muss man fairerweise festhalten, dass Franco (im Gegensatz zu Wiseau) für seinen Film auf Kontakte in Hollywood zurückgreifen konnte, bereits bekannt war und professionelle Erfahrungen hatte. Dass dann sein Output deutlich besser ist als der Wiseaus ist wenig überraschend. 😉

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      2. Genau das meine ich ja. Ich habe „This is the End“ zwar als hohl, aber nicht als unfreiwillig trashigen Film empfunden. Der ist abseits von seiner behämmerten Prämisse kompetent gedreht, weil da Experten an der Produktion saßen. „The Room“ war als ernstes Drama konzipiert und ist durch unfreiwillige Komik bekannt geworden. Heute behauptet Wiseau, dass der Film immer als Komödie intendiert war. Man merkt halt immer noch, dass er damals gar nicht wusste, was er da gedreht hat. Das ist zum einen ein Armutszeugnis, zum anderen belegt es eine Rohheit, eine wilde Lust aufs Filmemachen, die Franco und seine Hollywoodprofis so gar nicht mehr nachempfinden können.

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      3. Ok du hast recht. Die beiden Filme lassen sich wirklich nicht gut miteinander vergleichen. Dennoch glaube ich, dass Wiseaus „Rohheit“, seine „wilde Lust“ und seine Unangepasstheit Franco imponiert. 😊

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