CineCheck, [Filmkritik]

„Blood Simple“-Kritik: Auf blutiger Spurensuche mit den Coen-Brüdern

Wenn man die Coens durch aberwitzige Filmchen wie „The Big Lebowski“ und „O Brother, Where Art Thou?“ kennen und schätzen gelernt hat, dann ist die Entdeckungsreise in die Vergangenheit doch eine sehr unkomische Angelegenheit. War „Millers Crossing“ schon alles andere als ein vergnüglicher Filmabend, so bleibt einem beim Erstling endgültig das Lachen im Halse stecken. Das tut zwar im ersten Moment etwas weh, ist aber durchaus gut und zeugt einmal mehr von der extemen Bandbreite, die dieses Autorenfilmer-Duo abdecken kann.

„Blood Simple“ fängt staubtrocken an, irgendwo auf einer texanischen Landstraße und macht überdeutlich, dass „No Country For Old Men“ später in genau die richtigen Hände gefallen ist. Atmosphärisch schlägt das jedenfalls in eine sehr ähnliche Kerbe. Unerbittliche Wüste, Kopfgeldjäger, Mörder, Habsucht und diverse Motive des Westerns sind jedenfalls auch dort omnipräsent. Und natürlich die alte Frage: Was ist so ein Menschenleben Wert, in so unbegreiflichen Zeiten?

Bemerkenswert ist die Stimmung, die direkt am Anfang herrscht und sich durch den ganzen Film zieht. Die extreme Trostlosigkeit, der Pessimismus und das nicht nachvollziehbare Handeln der Menschen in dieser unwirtlichen Welt erinnern ganz stark an einen filmischen Albtraum, im besten Fall sogar mehr als einmal an die Filme von David Lynch. Die Allgegenwart einer schweren, diabolischen Macht, der menschlichen und tierischen Natur und der Gier sind jedenfalls sofort zu spüren. Das ist alles andere als ein Spaziergang und man darf sich in der ersten Hälfte noch an jeden kleinen Witz klammern, weil davon am Ende nichts mehr zu spüren ist. Die Sackgasse, in die die Figuren mehrfach fahren, muss der Zuschauer genauso erleben.

Aufs simpelste heruntergebrochen, ist das nicht mehr als die Geschichte unsympathischer Menschen, die sich hässliche Dinge antun. Das Bemerkenswerte ist dabei, dass die Motive absolut schattenhaft gezeichnet sind. Weil Liebe und Wärme in „Blood Simple“ Mangelware sind, ist es auch rätselhaft bis unklar, was z. B. unser Liebespaar wirklich zusammenhält, abgesehen von der hausgemachten Problemsituation. Dafür ist die Verdorbenheit und Bösartigkeit der Figuren eindeutig. Vielleicht am Ende der einzige, logische Beweggrund. Dan Hedaya und M. Emmet Walsh spielen jedenfalls herrlich schmierig und gerissen, dass es eine wahre Freude ist.

Stilistisch erkennt man die Coens schon sehr gut. Wenn Barry Sonnenfeld die Kamera über die Kneipentheke und einen schlafenden Trunkenbold schiebt, dann erinnert das an so manche künstlerische Spielerei aus dem späteren Bowlingmärchen. Mit dem hat „Blood Simple“ ja auch die Einschläge des Film-Noir- sowie Detektivfilms gemein. Wie bei so manch anderem Werk der Coens geht es auch hier um Menschengruppen, deren Interessen kollidieren und kaum ohne Gewalt zu wahren sind. Film- und Genreübergreifend sind es also doch ganz ähnliche Themen. „It’s the same old song, but with a different meaning.“?

Ein zweiter Blick tut dem Film wirklich gut. So können sich der schwarze Humor, als auch die intensiven, in Mondlicht getauchten Bilder, besser entfalten. Es bleibt aber in jedem Fall ein hässliches, unbequemes Erlebnis, auf das man sich vorbereiten muss. Die Leichtigkeit, die spätere Werke auszeichnete, ist hier wenig zu spüren, vielmehr kann man von der Sperrigkeit erdrückt werden. Langeweile kommt dank der knackigen Laufzeit dabei keine auf. Das Finale ist dann noch der zynische Nagel für diesen filmischen Sarg. Am Ende ein beklemmender und bemerkenswerter Noir-Krimi, der große Karrieren in Gang setzte.

Bewertung: 7/10

Erstveröffentlichung am 10. Februar 2014 auf ofdb.de

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