SoundCheck, [Musik-Review]

Hercules Beatz im SoundCheck: „Echter Gangster Rap“ oder eher schauderhafter Sprechgesang?

„Oh mein Gooooott, was iiiiiiiiist gescheeeehen?“

Er war schon eine Legende in seiner ganz eigenen Liga, der echte Gangster. Weltweit als „Angry German Kid“ bekannt geworden, weil seine (angeblich) gespielten Ausraster Millionen YouTube Nutzer weltweit mit gemischten Gefühlen zurückließen. Veröffentlicht in einer Zeit, in der „Killerspiele“ von Medien und Politik zerrissen wurden und Schulamokläufe in fast grausamer Regelmäßigkeit stattfanden. Während seiner genüsslichen Zerstörungsorgie, die er bei einer Partie „Unreal Tournament“ abfeuerte, zerdepperte er manisch schreiend seine Tastatur. Die Escapetaste bleibt bis heute verschollen. Jeder im Freundes- und Bekanntenkreis kannte den Clip und selbst Fernsehsendungen wie „Focus TV“ griffen Leopold, wie er damals genannt wurde, auf.

Neben solchen Videos lernten wir auch, was einen echten Gangster so auszeichnet: Über die Straße laufen, wenn ein Auto kommt, in der Bäckerei klauen und Spiele mit Blut spielen. Man kann über seine damalige Intention mutmaßen, schwer unterhaltsam und herrlich bescheuert war das allemal. Das alles kam zu einer Zeit, in der YouTube noch in den Kinderschuhen steckte und die Uploader nur aus Spaß an der Freude ihre zumeist unbearbeiteten Videos hochluden. Von den finanziellen Interessen und der Überproduktion heutiger Filmchen war das meilenweit entfernt. Hass und Häme bekam er schon damals überdeutlich zu spüren, vornehmlich von denen, die seine Videos zu ernst genommen haben und mal Internetrambo spielen wollten. Sicher hat es auch der ein oder anderen sensiblen Männerseele geschmerzt, dass so ein Rotzlöffel einen auf hart gemacht hat. Das war damals einfach köstlich. Es ist anscheinend genau auch dieses negative Echo gewesen, das ihn dazu veranlasst hat, sich zu transformieren und zwar zu einem Mann, der nicht mehr viel mit dem dicken, nerdigen Kind von damals zu tun hat. Über seinen „Imagewandel“ kann man sich streiten, immerhin hat er den Hate für sich konstruktiv genutzt. Das ist etwas, das andere Personen völlig verschlafen. Meddl, Loide!

Und nun, nach so vielen Jahren Anonymität und einem enormen Kultstatus, kommt der Gangster aus dem Schatten der Dunkelheit und präsentiert sich als aufgepumptes Tier mit derben Raptexten. 2 Meter groß mit mindestens genauso großem Selbstbewusstsein. Für mich und viele andere sicherlich eine kultige Überraschung, die auch einigen Respekt generierte. Es mutet ironisch an, dass ein Mann, der als Kind Gangstergehabe persiflierte, nun versucht, auf professioneller Basis damit auf sich aufmerksam zu machen. Er fragt immer noch: „Was willst du tun?“. Die Themen sind die gleichen wie damals geblieben, immer noch mit einem Augenzwinkern serviert, alles nur eben härter. Beleidigungen, Selbstüberschätzung, überspitzter Humor, Primitivtät und Machogehabe, eben alles, was zum Gangsterrap dazugehört. Inhaltlich ist das weiterhin nicht Jedermanns Sache, dennoch sind seine Beats und Melodien mehr als brauchbar. Wer hätte denn bitte so etwas erwartet? Das Album taugt als erster Gehversuch locker. Vielmehr ist es einfach die Faszination an seiner Person, die ihn jetzt wieder interessant macht. Um die Musik geht es dabei gar nicht so wirklich. Im Grunde ist sein Comeback mehr als gut getimed gewesen und sein Album dürfte einige Fans finden. Oder das Ganze ist einfach die längste und beste McFit Werbekampagne, die es je gab. Für diese unerwartete Überraschung nach so vielen Jahren, in denen viele von uns selbst herangereift sind, sich völlig verwandelten, vergebe ich 5 Sterne.

Musikalisch ist es Geschmackssache. Meine Musik ist sowas eigentlich gar nicht mehr, eher alles was rockt und schrammelt. Früher habe ich viel Hip Hop gehört, daher noch meine dezente Einschätzung zur musikalischen Qualität: Seine Stimme wirkt zeitweise nasal bzw. verschnupft und die Abmischung klingt nie wirklich hochqualitativ. Das ist okay, Potential ist da und jeder hat mal klein angefangen. Zeitweise erinnert das Album an alte Mixtapes, das hat allerdings seinen eigenen Oldschool Charme. Im Vergleich zu den YouTube Tracks hat er noch etwas an der Produktion gearbeitet und nachgebessert. Hier wurde also kein Amateurmist auf den Markt geworfen, wie wenige Hater behaupten. Der Flow ist durchweg okay, manchmal sogar überraschend gut geworden. Da habe ich schon deutlich schlechteres von angehenden Rappern gehört. Das „Evil Dead“ Zitat im Intro macht auch ordentlich Laune. Für den ersten offiziellen Versuch ist das Album definitiv vorzeigbar. Andere Rapper liefern auch nicht viel mehr ab, verdienen sich aber dumm und dämlich.

Bewertung: 5/5

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